Tummelplatz

Maeckis

„Mäcki’s Heisse Hexe“ 2010 oil painting 50/40 cm

Erschienen in „Der Kreuzberger“, 17. Ausgabe, März/ April 2012

Die BMW Guggenheim Lab macht vom 24. Mai bis 29. Juli 2012 Station in Berlin – auf der Brache am Spreeende der Cuvrystraße, die sich als „idealer Schauplatz“ anbietet. Sie versteht sich als „eine Kombination aus Ideenschmiede, öffentlichem Forum und Gemeindezentrum“. Hier soll in einem „mobilen Forschungslabor eine Reihe kostenloser Programme angeboten werden, in denen Fragestellungen zum urbanen Leben diskutiert werden.“ Das vierköpfige Experten-Team, selbstverständlich international, wird folgende vorgefertigten Hauptthemen anbieten: „Empowerment Technologies“, „Dynamic Connections“, „Urban Microlense“, und die „Senseable (SENSEable) City“. Alles klar?

Mir ist es trotz der erfinderischen Begrifflichkeiten noch nicht ersichtlich, was für neuartige nachbarschaftliche Strukturen und Vernetzungen solche großen Institutionen und Unternehmen anbieten können und zu welchem (Eigen-?) Nutzen überhaupt wollen. Was spricht dagegen, vorhandene Initiativen nach ihrer sozialen Effektivität zu analysieren und uneigennützig finanziell zu fördern? Nach endlosen Stadtteildiskussionen mit Bewohnern und Politikern und anhand zahlreicher sozio-politischer Studien sind die meisten Probleme lange bekannt. Es bedarf nun der Mittel und Macht, die entsprechenden Lösungen umzusetzen.

Der Wrangelkiez, wie auch andere Berliner Stadtteile, leidet schon lange unter einem tief greifenden Wandel. Es waren die Bewohner, die über die Jahrzehnte aus eigener Kraft den Kiez so attraktiv gemacht haben, so dass er heute massenweise Touristen und Zuzügler anzieht. Die Aktiven und Kreativen werden inzwischen über drastisch erhöhte Mieten „gebeten“, ihre Wohnungen und Geschäfte zu räumen, um Platz für Besserverdienende und Wohnraumspekulanten zu schaffen. Lokale Politiker reagieren hilflos während Konzerne ohne wirkliche Rücksicht auf Anwohner, u.a. Stück für Stück das Spreeufer mit Krallen erobern. Über den Bedarf an Wohnraum für den großen Zustrom von Firmenmitarbeitern wird nicht ernsthaft nachgedacht. Die BMW Guggenheim Lab Berlin könnte Politikern und Unternehmen sogar noch dabei helfen – vielleicht unbeabsichtigt – Schwachstellen im nachbarschaftlichen Widerstand aufzudecken und diesem entgegen zu wirken, und dabei den Umwandlungsprozess in ihren negativen Auswirkungen sogar beschleunigen.

Das „Team in Berlin arbeitet aktiv mit einer Reihe von gemeinnützigen Organisationen an der Entwicklung eines Programms, die Ideen und Fragen von besonderer Bedeutung für Kreuzberg und die Stadt Berlin richten“ und lädt zu einem „freien, partizipativen Programm“ ein, „so wie die New York Lab es tat.“ „YAAM, Mediaspree Versenken, Initiative Stadt Neudenken, und Artitude/Senatsreservenspeicher haben auf die Entscheidung positiv reagiert, die Lab Berlin in Kreuzberg“ einzurichten. Da eine Zusammenarbeit mit vielen etablierten und engagierten Stadtteilgruppen angekündigt wird, klingt das Ganze doch positiv und optimistisch.

Das Thema für die erste BMW Guggenheim Lab im New Yorker Lower East Side, hieß „Confronting Comfort“ (=Komfort Konfrontieren): „die Stadt und Sie – wie die urbane Umwelt auf die Bedürfnisse der Menschen stärker abgestimmt werden könnte, wie können Menschen sich in einem urbanen Umfeld wohler fühlen, und wie kann man ein Gleichgewicht zwischen Ideen des modernen Komfort und die dringende Notwendigkeit für Umweltverantwortung und Nachhaltigkeit finden?“ Dieses Thema soll auch in Berlin bearbeitet werden. Als erstes wird es spannend zu erfahren, wie Bewohner sich unter dem existenziellen Druck einer rasant steigenden Wohnmiete „bequem (comfortable)“ machen sollen.

Wie diese thematischen Absichten von einem breiten Publikum unterschiedlichen Bildungsstandes auf Kiezebene erstmal verstanden – geschweige denn erreicht – werden, bleibt noch abzuwarten. Es fängt damit an, dass über die derzeitigen politischen, sozialen und kulturellen Gegebenheiten, Interessen und Verquickungen kaum ein Überblick zu schaffen ist. Viele betroffene Bewohner, mit echten Existenzproblemen, sind vermutlich nicht mal in der Lage, sich in akademisch geführten Diskursen mit Entscheidungsträgern einzubringen. Das war schon im vergangenen Sommer bei den Kiezgesprächen mit dem Stadtteilbürgermeister deutlich zu beobachten.

Es besteht die Gefahr, dass die Einzelnen und die Gruppen, die sich einspannen lassen – auch wenn sie sich als unabhängige Akteure verstehen – den Neid und die Kritik von anderen nicht direkt Beteiligten auf sich ziehen werden. Es wird bestimmt spannend, wenn einschneidende Themen wie soziales Wohnen, Mietpolitik (z.B. Wegfall der Kappungsgrenze bei Neuvermietungen), städtischer Immobilienbesitz (am Spreeufer, GSW), nachhaltigen Tourismus, bedingungsloses Grundeinkommen und noch viel mehr in den Vordergrund gerückt werden. Auffallend ist, dass ein Großteil der inhaltlichen und baulichen Planung schon von Anfang an fest steht – ohne ersichtliches Mitwirken der Kiezbewohner. Das „innovative“, temporäre Veranstaltungsgebäude, das quasi genauso aussieht wie das Bauwerk in New York, wird vom gleichen Architektenbüro mit einem „silly name“ geplant.

Natürlich wird die Lab von den Initiatoren in New York als Erfolg bewertet. Der Veranstaltungsort, eine schmale verrümpelte Baulücke im Lower East Side, bleibt im städtischen Besitz und wird ein Park und Begegnungsort, und von einer lokalen Organisation betreut. Aber die Diskussionen und Kritik im Internet sind voller Unzufriedenheiten mit der Lab und – noch schwerwiegender – mit den Community Organisationen untereinander. Vielleicht ist die Entlarvung der wirklichen Interessen mancher Gruppen und Individuen lehrreich.

Auffallend ist die Ortswahl der Lab gerade im Wrangelkiez. Ein Kreuzberger Blogger fragt, warum geht die Lab nicht in die Berliner Bezirke wie Neukölln, Wedding, Marzahn oder Hellersdorf, wo viel mehr Menschen unter der Armutsgrenze leben, anstatt in die jetzt hippe Gegend von Kreuzberg 36? Dort würden die Leute es begrüßen, Lösungen zu ihren Lebensbedingungen zu finden. Ein New Yorker formulierte die Frage anders: „Wenn Sie sich nach dem Sinn der Lab fragen, dann ist es dies: die BMW Guggenheim Lab wählte diese Gegend, weil es „upscale-hip“ ist, sicher und komfortabel für ihre Zuhörer, die begierig sind, hier zu sein und gesehen zu werden.“

William Wires, 20. Feb. 2012

Zitate:
Erster Absatz: http://www.presseportal.de/pm/28255/2144340/bmw-guggenheim-lab-berlin-eroeffnet-im-mai-2012-mit-internationalem-team, 20. Feb. 2012
Vierter Absatz: http://www.bmwguggenheimlab.org/what-is-the-lab, 20. Feb. 2012
Fünfter Absatz: http://www.guggenheim.org/new-york/press-room/releases/3730-bmwguggenheimlabrelease, 20. Feb. 2012
Siebter Absatz: http://ny.curbed.com/archives/2010/09/30/architects_with_silly_names_popular_coming_to_new_york.php, 20. Feb. 2012
Neunter Absatz: http://evgrieve.com/2011/10/packing-up-bmw-guggenheim-lab.html, 20. Feb. 2012

Folgender Link führt zu einer aufschlussreichen Kritik des Lab-Programms und untersucht Widersprüche zur Situation im New Yorker Lower East Side (auf Englisch):
http://www.hannseislernailsalon.com/the-comfort-of-non-confrontation/

Herr Eisler warnt dagegen, dass die sich wiederholende Diskussionen über „Gentrification“ und über Akteure, die sich von kapitalistischen Unternehmen einspannen lassen, von schädlicheren Aspekten (z.B. Bebauungspläne) ablenken.

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