Tourismus… Boom!

Gartenhaus02

„Gartenhaus (2)“ 2011 watercolor 26/36 cm

Erschienen in „Der Kreuzberger“, 15. Ausgabe, November/ Dezember 2011

Im August war ich mit meiner Frau und zwei Kindern im Urlaub in Międzyzdroje, einem traditionellen Badeort auf der Ostseeinsel Wolin in Polen. Vor ungefähr 15 Jahren war ich schon mal dort; da waren bloß ein Paar Imbisse und leere breite Strände. Während dieses neuerlichen Aufenthalts mussten wir oft einen Platz zwischen Stoffbandabgrenzungen der anderen Urlauber praktisch erobern. Schlimm war das nicht, da eine heitere und freundliche Stimmung am Strand herrschte. Auf jeden Fall haben wir wetterweise vielleicht die schönste Woche des Sommers erwischt.

Unsere Gastgeber, polnische Berliner, hat im hinteren Teil ihres Grundstückes, ein am Nationalpark Wolin grenzendes familienfreundliches Paradies geschaffen. Zwei kleine Gartenhäuschen wurden am Hang zum Wald eingebaut. Wegen der konstruktiv notwendigen Stahlbetonwänden werden sie vom Gastgeber liebevoll „Bunker“ genannt.

Mich beeindruckte die in diesem Jahr fertig gestellte zwei Kilometer lange Promenade mit einer 300 Meter langen Seebrücke. Eine Neugestaltung war immerhin notwendig, um die Touristenströme zu bewältigen und den Ort nach Jahren der Vernachlässigung zu verschönern. Der Umbau ist umstritten: der Optik nach erscheinen die Sitzbankelemente mit integrierten Wasserfallscheiben wie Grabsteine. Trotz solcher einheimischer Popularkritik wird auf der Promenade gerne und ausgiebig flaniert, musiziert, ausgestellt, gegessen und gespielt.

Es bleibt trotzdem ein gewisser Widerspruch zwischen der Promenade-Erneuerung und den dort angebotenen Waren, die zwei unterschiedliche wirtschaftliche Welten darstellen. Das Projekt ist von hohem Design-Anspruch, die Ambitionen von einer eher gehobenen Mittelschicht angestrebt. Werbung auf dem Molo bietet beispielsweise – absurderweise – Immobilien auf Dubai und Florida feil. Die große Auswahl an weitgehend aus Asien importiertem und aufgeblasenem Strandspielzeug (Willkommen Globalismus!) ist attraktiv und erschwinglich genug, um eine Mittelstandsfamilie von der wirtschaftlichen Abwärtsspirale abzulenken. Auf den Wegen von der Promenade zum Strand ist es unmöglich, diesem dominierenden Billig-Konsum zu entkommen. Außerdem wurde jüngst der neue Rynek-Einkaufskomplex eröffnet, allerdings etagenweise leerstehend: ein kaum zu übertreffendes Beispiel an ignoranter Stadtplanung und hässlicher Architektur.

Parallel zur gewollten Ordnung an der Promenade, entsprang eine hohe Zahl von privaten Zimmervermietungen an Touristen. Sogar Garagen wurden zu Unterkünften und Läden umgebaut. Die mancherorts von Planern vergessenen Einheimischen versuchen auch ein Stück vom Tourismus-Kuchen zu ergattern. (In dem Film „Atlantic City“ von Louis Malle wird dieser Widerspruch zwischen der Erneuerung in Strandnähe und einer vernachlässigten Stadt dahinter grafisch dargestellt.) Einige der historischen Hotels und Villen aus der Blütezeit der zweiten Hälfte des 20ten Jahrhunderts wurden mit Mühe und „phantasievollen“ Farben renoviert. Andere Villen stehen ruinenhaft leer. Im Kontrast zu den modernen in Weiß gehaltenen „Edel-Bars“, gibt es aber auch das „Restauracja Czarny Kot“ (Zur Schwarzen Katze). In dem bescheidenen aber stilvoll eingerichteten Altbau kann man einfache Gerichte aus der polnischen Küche zu moderaten Preisen verspeisen.

Um den Ort Międzyzdroje besser kennen zu lernen, habe ich mehrere Aquarelle gemalt. Falls es also doch mit der Einladung der Stadt an der „Plener“-Ausstellung im nächsten Mai klappt, bin ich gut vorbereitet.

William Wires, 6. Okt. 2011

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