Summer Jobs

Während meiner Schul- und Ferienzeiten habe ich kontinuierlich gejobbt. Ja, ein Tellerwäscher war ich auch mal: ein Jahr lang im Dorf Restaurant, das Bacon & Eggs zum Frühstück, Hamburger zum Mittag und noch Ice Cream Sodas serviert hat. Der griechische Chef zahlte den Mindestlohn von $1,50 pro Stunde. Recycling von Pommes und Salatblättern sparten dem Restrauntier noch mal Geld.
Im folgenden Sommer hatte ich – schon 16 Jahre alt – mit einem Schulfreund ein Freibad neu gestrichen, für $2,00 der Stunde. Um nichts wegzulassen, möchte ich erwähnen, dass mein erster Job bei einem lokalen Bauer war. Damals war ich 13 Jahre alt. Nach einigen Wochen hatte ich schon über $130 verdient, trotz nicht ganz liniengerade eingepflanzter Tomatenpflanzensetzlinge.

Aber, zurück zu der Zeit als ich drei Jahre älter war, nämlich 16. Nach drei Monaten Arbeitslosigkeit kam noch ein Schulfreund zu mir und sagte, er würde an seiner Arbeitsstelle nicht klar kommen. Der Chef wäre ruppig und sprach unverständlich. Ich habe mir die Sache angeschaut und habe den Job noch am gleichen Tag übernommen.

Der Inhaber der Gärtnerei hieß Fred, eigentlich wurde er als Friedrich Weiss in 1900 in Heuchstetten, einem Ortsteil von Gerstetten auf der schwäbischen Alb geboren. (Seine Mutter war eine Banzhof, eine namenhafte schwäbischen Familie.) Seine jüngere Schwester, Elsa, wurde in Radolfzell geboren, wo deren Vater ein Restaurant übernahm.

Mr. Fred Weiss war mit seinem zwei Jahre älteren Bruder Karl schon einige Jahre in Argentinien gewesen. Beide sind dann im Jahre 1926 nach New York City eingewandert; Elsa kam im gleichen Jahr direkt aus Deutschland dazu.

Fred traf Pauline Hörmann auf einer Sprachschule in Yonkers, New York. Pauline, die ich immer mit Mrs. Weiss ansprach, war schon mit 23 Jahren in Chicago bei einem Onkel untergekommen. Es war aber in New York, als sie bei der Familie Lehman Arbeit als Kammerzofe gefunden hatte. Herr Lehman war öfters in Deutschland, um die Reparationszahlungen zu regeln, während Mrs. Weiss mit Frau Lehmann die Zeit an der Riviera verbrachte.

Erst 1943 erwarben die beiden einen Schnittblumengroßhandelsbetrieb mit drei großen Gewächshäusern, einer Scheune und einem holländischen Kolonialhaus in New Jersey (1). Als ich dazu kam, war es wegen billiger Blumenimporte aus Südamerika mit dem Schnittblumengeschäft schon lange vorbei. Mr. und Mrs. Weiss waren schon über 70, und arbeitsam wie sie waren, dachten sie nicht an Ruhestand. Ich habe bei deren lokalem Geschäft mit Topfpflanzen und Hochzeitdekoration mitgeholfen. Dazu kamen Reparaturarbeiten am Haus.

Mr. Weiss redete gern über die strenge Lehrausbildung auf der Insel Mainau, von Chaperonen beaufsichtigten Verabredungen mit Argentinierinnen, dem deutschen Einwandererviertel, Yorkville in Manhattan. Seine politischen Ansichten waren von der Kaiserzeit geprägt: Ein Schwabe, der sich für einen Preußen hielt. Sein letzter Besuch in Deutschland war die Hochzeitsreise anno 1929.

Sein Bruder, Karl, aus dem 19ten Jahrhundert, überlebte als Soldat den ersten Weltkrieg. Damals hatte das deutsche Volk den Frontsoldaten ein Ei pro Monat gegönnt. Das erzählte er mir mal während wir Setzlinge eintopften. Früher war er Feinmechaniker.

Mrs. Weiss schrieb altertümliche Sprüche und Sätze in Sütterlin auf Zettel. Diese habe ich nach Hause gebracht und eingehend studiert. Sie war katholisch: gläubig und mystisch. Am Tag ihrer Geburt in Wyhlen bei Basel hatte ihr Vater vor dem Haus Schüsse abgegeben. Im hohen Alter war sie lebensfreudig und liebenswürdig.

Die Mitarbeit bei Mr. und Mrs. Weiss war mehr als nur ein Ferienjob. Ich hatte direkten Kontakt mit Zeitzeugen der europäischen Geschichte, erfuhr einiges über das Leben in den Vororten von New York City vor der Suburbanisierung und fing mit dem Erlernen der deutschen Sprache an. Es war auch dort, wo ich meine ersten bemalten Leinwände verkauft habe. Sie hingen im Verkaufsraum der Gärtnerei.

Mr. und Mrs. Weiss waren für mich und meine Familie ein dritter Satz Großeltern.

William Wires, April 2013

1. Das Kolonialhaus wurde neulich nach den Bestimmungen des Denkmalschutzes grundsaniert. Die Scheune und die Gewächshäuser in meinen Bildern, oben, sind längst abgerissen und auf aufgeteilten Grundstücken mit Einfamilienhäusern bebaut

Eine Antwort zu Summer Jobs

  1. Pingback: Immigrant Nation | What nerve | William Wires

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