Mobil im Kiez

Fahrschule Kalcher

„Fahrschule Kalcher“ 2011 oil painting 30/24 cm

Erschienen in „Der Kreuzberger“, 12. Ausgabe, April/ Mai 2011

In den USA erhält man einen PKW-Führerschein für meistens sechs Jahre. Neuerdings muss man eine erhebliche Menge an Dokumenten vorzeigen, um die Verlängerung zu ermöglichen. Da ich länger in Deutschland lebe, gestaltet es sich immer schwieriger einen Wohnsitz im Bundesstaat New Jersey nachzuweisen. Daher ließ ich meinen Führerschein für die EU umschreiben. Die deutsche Behörde verlangte bloß, dass ich die theoretische sowie die praktische Prüfung bestehe. Die theoretische war kein Problem, trotz manchen seltsam formulierten Fragen und erwünschten Antworten. Da ich praktisch nie in Deutschland ein Auto geführt habe, dachte ich, es wäre besser, meinen Fahrstil begutachten zu lassen. Wie es sich herausstellte, war mein praktischer Fahrstil insbesondere in Bezug auf „rechts vor links“ verbesserungsbedürftig. Es folgten ca. fünf Fahrstunden, währendder ich auch Aspekte der deutschen Seele erfahren habe.

Günter (Name v.d.Red. geändert) ist Schiedsrichter beim Fußball, eine hervorragende Grundvoraussetzung um Fahrlehrer zu werden. Mit der zweiten Beifahrer-Bremse kann er jedoch jedes meiner gut gemeinten Tore halten.
Nebenbei möchte ich hier für die Fahrschule Kalcher werben. Herr Kalcher sagte mir, dass alle Kreuzberger Künstler bei ihm den Führerschein machen. Da ich meinen Führerschein bei ihm gemacht habe, bestätigt zusätzlich, dass ich ein Kreuzberger Künstler bin.

Und nun auf die Straße zur deutschen Seele: An einer Neuköllner Kreuzung bin ich an einer roten Ampel langsam hingefahren. Da zwei Mütter mit Kinderwägen vor mir die Straße überqueren wollten, hielt ich ein Paar Meter vor der Haltelinie. Selbst Vater und Fußgänger wollte ich weder die Mütter noch die zukünftigen Rentenversicherungseinzahler mit meiner Blechkiste erschrecken, wenn nicht bloß wegen der mangelhaften Ästhetik. Günter hat dafür kein Verständnis; es gehört dazu diesen letzten Meter zu erobern. Wer weiß: ein Autofahrer hinter mir könnte mich überholen und diesen Straßenfleck besetzen.
Noch ein Beispiel in Sachen Fahrraum erobern: auf einer Rampe zur Stadtautobahn geben die Geschwindigkeitsschilder den Ton an. Bis zur letzten Angabe von 80 km/h entschied ich mich für 70, da ich annahm, wir verlassen die weltweit berühmte Autobahn rasch wieder. Außerdem hat das alte Auto wirklich nicht die Pferdestärke um schnell zu beschleunigen. Nur wenn ich einen großen kräftigen Geländewagen hätte, worin Zeit und Geschwindigkeit kaum spürbar wären!

In solchen Wagen fahren junge scheinbar geschäftlich erfolgreiche Männer im verkehrsberuhigten Bereich im Wrangelkiez hin und her. Daher – air-conditioned und schalldicht abgekapselt – ist es vielleicht verständlich, dass sie sich verleiten lassen, schneller als 7 km/h (Schrittgeschwindigkeit) durch den Kiez zu rasen. Die anderen Autofahrer in kleineren Wagen wollen den Verkehr nicht hindern und fahren schnell nach vorne weg. Von einem angehupt zu werden ist schon erniedrigend und kann Selbstzweifel und Aggression hervorrufen. Fahrradfahrer weichen auf den „Gehweg“ (der juristisch gesehen, in verkehrsberuhigten Bereichen gar nicht gibt) aus. Aber an vielen Etappen stellen die massiven Bestuhlungen vor den Cafés und Restaurants und die Touristengruppen einen Hindernisparcour dar. Viele Kiezbewohner ziehen lieber gleich ihre schicke Marken-Jogging-Bekleidung an, bevor sie sich aus dem Haus wagen. Am Ende haben wir echte Spielstraßen im Wrangelkiez. Let the games begin!

William Wires, 7. April 2011

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