Kreativ in Kreuzberg

Campsite

„Campsite“ 2012 oil painting 100/50 cm

Erschienen in „Der Kreuzberger“, 21. Ausgabe, November/ Dezember 2012

„Die besten Ideen habe ich, wenn ich sie bei anderen schon gesehen habe.“ Und sind es nicht die besten Ideen, die sich aus einem marktwirtschaftlichen Kalkül heraus verwerten lassen?

Die erste Bemerkung erinnert mich an die Reaktionen mancher angesichts eines sehr hoch bewerteten abstrakten Ölbildes: „Das kann ich auch malen.“ Gemeint wird: „da steckt wenig Arbeit drin“, als ob Kunst nach Stundeneinsatz abgerechnet werden könnte, oder „Das ist keine Kunst“, was zugegebenermaßen eine – eventuell nicht informierte – Meinungsäußerung ist. Zusammen betrachtet dürften die Meinungsgeber mit einer Leinwand, wenigen Arbeitsstunden und ohne den lästigen Anspruch Kunst zu sein, ein Haufen Geld verdienen. Dazu kann ich nur sagen: Dann los!

Die zweite Bemerkung berührt die historische und aktuelle Entwicklungsthematik der Kunstverwertung, die ich hier nicht ausführlich erörtern will. Eines will ich doch sagen: die Ideen anderer lassen sich gut verkaufen. Dies bezieht sich auf eine Kommerzialisierung eines Trendbezirks, zum Beispiel durch das Abfotografieren von Street Art wie Graffitis und Wandmalereien, wobei bei der Vermarktung als Postkarten u.ä. meistens die Urheber nicht mal erwähnt werden (1). Es findet ein Kannibalismus statt, bei dem sich Vermarkter unreflektiert auf die Ideen und Arbeit Anderer fokussieren, ohne den Einsatz eigener Kreativität. Der zu Grunde liegende Anspruch begnügt sich mit einer Anbiederung an touristische Erwartungen. Dazu gehört auch die Kategorie der platten Abarbeitung von Bauwerken, wie Brücken und Kirchen, die an die belanglosen Ansichtskarten mit der Aufschrift „Grüße aus ….“ erinnern.

Daraus zu schließen, dass Fotos von Street Art und Bauwerken prinzipiell unkreativ sind, ist falsch. Manche Fotografen gehen thematisch vor und zeigen z.B. in Bilderserien aussagekräftige künstlerische/ persönliche Interpretationen. Im Einzelnen spielt dabei sowohl der eigene künstlerische Anspruch, als auch die öffentliche Kritik eine Rolle. Das Gesamtergebnis einer lokalen Kreativitätsbilanz gibt Aufschlüsse über ein Selbstverständnis, gerade wenn diese Aktivitäten dem eigenen Wohnumfeld entspringen. Daran erkennt man eine gewisse Ehrlichkeit und Authentizität.

William Wires, Oktober 2012

1.Street-Arts (…) dürfen im Rahmen der Panoramafreiheit von Dritten fotografiert und die Fotos verwertet werden, ohne dass der Künstler in diesen Fällen etwas dagegen ausrichten kann. Bleibt nur das Recht der Künstler, bei Verwertung ihrer Werke genannt zu werden – sofern dies möglich ist.“

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