Kannibalismus

EastSide

„East Side“ 2011 oil painting 70/50 cm

Erschienen in „Der Kreuzberger“, 16. Ausgabe, Januar/ Februar 2012

Für die Teilnahme an einer Ausstellung im kommenden Frühling habe ich eine Bewerbungsmappe inkl. Fotos meiner Arbeiten bei einer Stiftung eingereicht. Irgendwann rief man mich an: Ob ich ein Bild von der Eastside Gallery hätte. Instinktiv wurde es mir unbehaglich, da mir die Idee von wieder hergestellten Wandmalereien nicht gefällt.
Außerdem beobachte ich beim Vorbeifahren an dem Mauerabschnitt, wie er als bloßer Hintergrund für Touristenfotos dient. Es kann aber sein, dass andere einen Teil Berliner Geschichte darin sehen.

Ich wurde also herausgefordert und bin einfach hingegangen, um die Situation vor Ort genauer anzuschauen. Die Souvenirladen, der O2 Kollos und die Berliner Mauer waren die Objekte, die ins Bild mussten. Ein paar Tage später war ich mit einem Ölbild weit fortgeschritten, aber irgendwie unzufrieden. Da kam der Betreiber des Eastside Hostels vorbei; ein recht freundlicher Typ, der mich einlud, das Bild von einem seiner Schiffe zu malen. Den Blick von erhöhter Stelle fand ich vorteilhaft: Das gesamte Areal wurde nun überschaubarer.

Für mich war es wichtig, die Wandmalereien auf der Straßenseite nicht abzubilden. Diese werden tausendfach täglich fotographiert, oft fantasielos auf Postkarten und in Touristenbroschüren abgebildet und vermarktet. Das gleiche passiert den Wandmalereien von Blu an der Ecke Schlesische-/ Cuvrystraße. In einem meiner Ölbilder, wo gerade diese Giebelwandbilder zu sehen sind, wollte ich mich vor allem mit der räumlichen Situation auseinandersetzen. Ich hatte mich auf dem Gelände des Senatreserves positioniert, damit das kleine Ziegelsteinhäuschen, das Eingangstor und die Vegetation im Vordergrund stehen. Die Bildkomposition und –idee gehören mit zur künstlerischen Aufgabe.

Wandmalereien, Graffitis und Fassadengestaltungen gehören zum Straßenbild und sind in Nachbarschaften wie dem Wrangelkiez prägend. Besonders in Stadtvierteln, die als „hip“ gelten, lassen sich künstlerische Leistungen im öffentlichen Raum von Geschäftstüchtigen aneignen und gewinnbringend verkaufen. Inwieweit Urheberrechte von anderen verletzt werden, überlasse ich den Juristen; mir geht es primär um die ideenlose Vermarktung. Es ist aus künstlerischer Sicht bedenklich, wenn in der Absicht kein eigener Standpunkt, bzw. persönliche Interpretation erkennbar ist. Vielleicht überspitzt betrachtet, verzahnen sich Vermarktungsstrategien mit einander bei der Gentrifizierung eines Stadtteils. Es ist aber auch nachvollziehbar, wenn sich sogar betroffene Bewohner ein Stück vom Aufwertungskuchen sichern wollen. Dabei merkt man bei diesem kannibalischen Verhalten nicht, dass, wenn die Kreativen das Feld verlassen, man sich irgendwann selbst auffrisst.

Auch bei der Eastside Gallery – eine Kopie ihrer selbst – wurde nach dem Abbau einiger Mauersegmente für die O2 World und den Souvenirladen, neuerdings noch ein Segment für eine Imbissbude entfernt.

William Wires, 22. Dez. 2011

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