Just… a Lost Soul

Just a Lost Soul

„Just… a Lost Soul“ 2012 oil painting 60/50 cm

Erschienen in „Der Kreuzberger“, 20. Ausgabe, September/ Oktober 2012

Neulich am Landwehrkanal wurde meine Arbeit an einem Ölbild bewundert. Meine Präsenz auf der Straße offenbart einiges über mich als Maler und Person und gleichzeitig erlebe ich diverse Mikrokosmen der Gesellschaft: ihre Einstellungen, Aktivitäten usw. In den Nachbarschaften, wo ich zur Zeit schwerpunktmäßig arbeite – besonders Friedrichshain, Kreuzberg und Neukölln – kursiert ein breites Spektrum an Existenzen, von Armen bis Reichen, von Sprayern bis Büromenschen. Aspekte davon sind in meinen Bildern sicherlich abzulesen.

An der oben genannten Location wurde ich von einem aufdringlichen tätowierten „Penner“ angesprochen. Sein Anspruch bestand darin, mir seine Kunstwerke auf einem modernen Smartphone zu zeigen. Es gibt ab und zu solche, die mir so einen „Austausch“ aufzwingen wollen. Was mich besonders erstaunte, war das Hakenkreuz Tattoo an seinem Handgelenk. Nach seiner äußeren Erscheinung hätte ich das nicht erwartet.
Andere Tattoos schienen mir auf eine gegensätzliche Einstellung hinzuweisen. Ich erinnerte mich daran, dass ich das besagte Symbol schon mal vor ca. zehn Jahren auf dem Hals eines Fußgängers am Schlesischen Tor gesichtet hatte. Es kursiert im Kreuzberger Kiez auch dieser Typus von „Lost Soul“ (verlorene Seele).

Oben habe ich die Bezeichnung „Penner“ gebraucht. Ursprünglich ist damit ein Obdachloser gemeint, öfters auch eine Person, die nicht aufmerksam ist und mittlerweile einfach ein unangenehmer Mensch. Es ist eine gesellschaftliche Zuordnung: Ein „Penner“ nimmt an der Gesellschaft nicht sinnvoll teil, der wird ausgegrenzt.

Dass „Penner“ zu sehr der produktiven Gesellschaft im Sozialstaat auf der Tasche liegen, ist eine Einstellung, die im Verhältnis zu den derzeitigen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Realitäten steht und nicht besonders konsequent durchdacht ist. Man könnte sich fragen, wer bei welchen Banken und Firmen verpennt hat, und sich obendrein mit Subventionsgeldern und üppigen Boni belohnt? In einem anderen Fall -las ich neulich- bezahlte ein Versager, während er Tausende von Menschen aus Arbeitsverhältnissen entließ, seiner Ehefrau einen Monatslohn von €60.000. Aber das ist nichts Neues.

Durch meine Begegnungen während der Arbeit, werde ich mit Einzelschicksalen konfrontiert. Diese lassen sich nicht so einfach pauschal in Gruppen zusammenfassen: Es sind große Variationen innerhalb Gruppierungen. Was mich erfreut, ist die Tatsache, dass sogar „Penner“ Zugang zu meinen Bildern finden und Interessantes zu sagen haben.

Übrigens, das Ölbild „Just… a Lost Soul“ zum Artikel gibt’s als Postkarte. Insgesamt biete ich inzwischen 125 Motive an. Die neuen Kalender 2013 zeigen nicht nur meinen heimatlichen Wrangelkiez, sondern auch meine Erkundungen im Reichenberger Kiez und im Reuterkiez.

William Wires, 17. August 2012

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