Flüchtige Begriffe

Im Park 03

„Dealers‘ Corner“ oil painting 50/40 cm, William Wires


In einem relativ kurzen Artikel in der online WeltN24 aus dem Jahr 2015 wird berichtet, dass die Überweisungen von Flüchtlingen und Migranten in ihre Heimatländer rasant zugelegt haben.

Es wird grob verallgemeinert, dass “das Geld in der Regel für die zurückgelassenen Ehepartner, Eltern und Kinder bestimmt (ist), die damit Lebensmittel kaufen, Medizin bezahlen, oder eine Schule besuchen sollen” und dann schlussfolgert, dass “Entwicklungshilfe und Rücküberweisungen sich sehr gut ergänzen.” Moneygram, ein Wirtschaftsprofessor und noch anonyme Ökonomen dienen als unwidersprochene Quellen.

Neben den edlen Absichten werden nicht nur Flüchtlinge und Migranten in einem Atemzug zusammengeklaubt und rausgehauen, es wird nicht mal eine sinnvolle (oder gar unsinnige) Verzahnung privater Geldüberweisungen und Entwicklungshilfen angedeutet.

Die Begriffe “Flüchtling” und “Migrant” sind wertneutrale Bezeichnungen für Menschen, die sich mal aus einer Zwangssituation heraus befreien oder eine Zukunftsvision woanders verwirklichen möchten. Dazu kommt der juristische Begriff “Asylbewerber”. Die Handhabung dieser unterschiedlichen Personengruppen, die sich auch mal überschneiden, wird im Diskurs schnell polemisch und politisiert. Übrigens: einer der opportunistischen Definitionen von “Flüchtling” ist die vererbbare Variante bei den sogenannten arabischen Palästinensern (Ai Weiwei!). Absurd wird das Ganze, wenn Asylbewerber und Geflüchtete dem brutalen Verfolgerstaat Besuche abstatten. Dabei werden manche Begriffe in die Lächerlichkeit gezogen. 

Natürlich wollen manche Auswanderer zurückgelassenen Angehörigen helfen. Mit Geldtransfers wird das schwierig, wenn die Regierung in dem Land, aus dem man gerade entkommen ist, kriminell ist. Während des Zweiten Weltkrieges wurde wie viel finanzielle Hilfe von Flüchtlingen an Familienmitglieder und Freunde in der Heimat geleistet? Dass die Nazis damals solche Geldüberweisungen im Blick hatten, ist sicher. Daher dürften die heutigen Flüchtlinge kaum Geld an Angehörige schicken können, besonders wenn die Banken im Heimatland wegen Krieg physikalisch nicht mehr vorhanden sind.

Im letzten Sommer beim Autofahren durch das progressive Vermont, hörte ich den Sender NPR (National Public Radio) an. In einer Sendung wurde über Direktzahlungen an Dorfbewohner vor Ort in einem afrikanischen Land berichtet. Es handelte sich um das bedingungslose Grundeinkommen. Das Programm wurde in der Tat professionell koordiniert und begleitet. Die Bewohner, die mehrheitlich eine Lebensverbesserung für sich und das Dorf insgesamt mit dem monatlichen Bezug erarbeitet hatten, waren begeistert. Ein solches Programm ist das Gegenstück zu den zufälligen privaten Geldüberweisungen aus dem Ausland, die eventuell zu wirtschaftlichen Verzerrungen auf lokalen Märkten und sogar zu gesellschaftlichen Spaltungen führen könnten. Transfersummen von “Flüchtlingen und Migranten” weltweit von 440 Milliarden Dollar jährlich in die Heimat lassen sich kaum aus “sehr kleinen Beträgen” addieren und erklären. Aus Deutschland wird der weitaus größte Anteil von Geldern in die Türkei und auch osteuropäische Länder geschickt. Eine Aufschlüsselung nach Herkunft und Zweck der Rücküberweisungen wäre entscheidend.

Es gibt allerlei Geldquellen, die jede Bevölkerungsgruppe und Situation betreffen. Überweisungen können Gewinne aus dem Drogenhandel, illegalen Beschäftigungen, Diebstahl, auch natürlich aus versteuerten Einnahmen sein. Dass viel Geld tatsächlich bei Familien in Kriegsgebieten ankommt, ist eher unwahrscheinlich; es gibt auch die Zahlungen an Menschenhändler (z.B. “Reisekosten”), Geldwäsche, Schutzgeldzahlungen, usw.  Ob Moneygram den Herkunft, Sinn und Zweck von Geldtransfers genau weißt?

Sinnvoller wäre es, in Gebieten, die von Armut betroffen sind, Geldtransfers abzufangen und koordiniert durch Micro-Kredite, Direktvergabe à la Grundeinkommen an die richtigen Stellen weiterzugeben. Damit könnte sich eine echte Verzahnung mit Entwicklungshilfen koordiniert und Menschen in ihren gewachsenen sozialen Strukturen geholfen werden.

Dass ich selber Migrant bin, sagt über mich und meine Motive gar nichts aus. Es sagt nichts aus, ob ich mich an einen neuen Ort anpassen kann oder will, geschweige denn, ob ich länger bleiben möchte. Vieles wird vor Ort nach den vorhandenen Gesetzen und von den Lebensumständen geregelt und beeinflußt; daran muss ich mich anpassen oder damit auseinandersetzen. Leider werde ich oft (in Statistiken) mit Migranten in schwierigen (wirtschaftlichen) Situationen und aus ganz anderen Kulturkreisen in einen Topf geschmissen. Ich kenne viele Migranten persönlich, deren Lebensschicksale kaum mit meinem übereinstimmen und höchst unterschiedliche Geschichten erzählen. Die Politisierungen hindern jede angestrebte Objektivität soweit, dass Infragestellen von Pauschalisierungen zu persönlichen Angriffen führen. Es entstehen Eingangssätze wie “Du bist…”, die die Herausforderung einer defensiven Positionierung und einer Ablenkung vom Thema beabsichtigen.

Hier möchte ich hervorheben: Durch ehrenamtliche Arbeit (Krankenhausplanung in Zentralamerika) in einem Entwicklungsland, habe ich – aus einer gesicherten Position –  gesehen, was Armut ist und bedeutet. Auch in Berlin habe ich die komplexen Lebenssituationen von Flüchtlingen, die ich finanziell unterstützt habe, und – ohne jeglichen privaten finanziellen Vorteil – für längere Zeit in meiner Wohnung aufgenommen habe, erlebt.

Es gibt Flüchtlinge, die zwar einem bösen Regime oder Krieg entkommen sind, eventuell noch schlimmeren Gruppen oder politischen Richtungen angehören. Im Zielland hoffen Einheimische, dass solche Fälle durch die Asylgesetze (die in demokratischen Ländern geändert werden können) geregelt werden. Dass friedliche Menschen, die gerade Freiheit erlangt haben, sich irgendwann unvermittelt radikalisieren und Massenmord gegen Menschen im Aufnahmeland üben, ist eine sehr gewagte These. Leider gibt es Flüchtlinge und Einwanderer, die terroristisch handeln. Das sind keine isolierte Akteure, sondern Täter, die sich aus einem bereits vorhandenen gesellschaftlichen Kulturverständnis und unterstützenden Umfeld entstammen. Friedliebende Menschen, die nach Deutschland kommen, verwandeln sich nicht plötzlich in terroristische Antisemiten, Misogynisten und Rassisten. Ob Deutschland Schuld an den Radikalisierungen von Islamisten haben könnte, dürfte höchstens in Zusammenhang mit einer falschen Toleranz gegenüber den radikalen islamischen Vereinen im Inland stehen. Da müssten die Behörden härter durchgreifen.

Bezüglich der Mär, die ein quasi automatisches Reinrutschen in den Drogenhandel bei arbeitslosen Migranten vorlügt, gibt es die fiktive Verwandlung vom Lehrer zum Drogendealer bei “Breaking Bad”. Die Vorlage dient für spannendes Entertainment im Fernsehen. Als Migrant, der öfters durch den Görlitzer Park spaziert, wurde ich bisher von keinem Drogen-Großhändler zur Mitarbeit angesprochen, nicht mal als Lookout.

William Wires
17. Nov. 2017

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