Second Thoughts

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„Then says he wants to lower our taxes,
Then who’s gonna pay for his extravagant trips,
Back and forth with his fam to his golf resorts and his mansions?
Same shit that he tormented Hillary for and he slandered,“
-Eminem, freestyle rap on Donald Trump

Neulich bin ich auf einen sonderbaren Kommentar von Wladimir Kaminer auf seiner Facebookseite (23. August 2017) gestoßen. Darin geht es hauptsächlich um die Kontroverse um englischsprachige Kellner, die ihm in Berlin immer öfters begegnet sind. Daraus – ohne weitere Fakten oder Referenzen – imaginiert er: „Es ist keinesfalls sonderbar, dass immer mehr Amerikaner sich (wegen eines bestimmten ‚Donalds‘) nach einem Job in Deutschland umschauen und zu den Kellnern werden, die nur Englisch können.“

Das macht mich stutzig, weil ich – gebürtiger Amerikaner – seit der Reagan-Era in Berlin-Kreuzberg wohne. Eine merkliche Zunahme von Amerikanern, aber auch vielen anderen Nationalitäten – inklusive englischsprachigen Engländern und Australiern – , nehme ich seit ungefähr zehn Jahren wahr, und das, eher in Zusammenhang mit den regionalen Krisen in der Europäischen Union. Deutschland, speziell Berlin, ist noch hipp und relativ günstig, und hat eine vergleichsweise funktionierende Infrastruktur. Wie viele Amerikaner tatsächlich in Deutschland bleiben und Steuern zahlen, ist schwer zu bestimmen. (Ich habe keinerlei Daten dazu gefunden.) Nicht alle in Deutschland applaudieren Unternehmer-Geist: In meiner Kreuzberger Nachbarschaft wurde neulich eine Entrepreneurin aus Brooklyn von lokalen „Aktivisten“ angefeindet und sogar attackiert. Die junge Frau ist Anfang der Obama-Jahre aus den USA ausgewandert.

Beim Googeln fand ich die rührende Geschichte eines geltungssüchtigen Pärchens aus den USA. Wie Carry und Bryan Howell mit Klischees hantieren ist leider typisch amerikanisch: kein Tempolimit für Fahrradfahrer, „gut organisierte“ Deutsche in Marxloh und in Neukölln, jeden Tag „Einkaufsparadies“ bei KaDeWe. Wenn sie nach Deutschland ziehen, wäre es wahrscheinlich, dass Berlin ihr Ziel ist. Ob die beiden tatsächlich umziehen, ist journalistisch nicht vom Belang. Über Eines müssen sie sich bewusst sein: fünf Hektar Grundstück und ein Haus mit 280 qm, wie ihr derzeitiges Domizil, werden sie nicht finden. Der Hausverkauf in Kentucky wird nicht viel abwerfen, wird aber für um die 100 qm Wohnfläche in Prenzlauer Berg reichen. Die politischen Ansichten der neuen Nachbarn wird bestimmt ihren entsprechen, besonders im Bezug auf die Bienenzucht-Sucht von Bryan.

Wie Carry und Bryan haben auch prominente Amerikaner versprochen, nach der Wahl von Trump zum Präsident die USA umgehend zu verlassen, ob aus Angst vor einem neuen Reich mit Vernichtungslagern oder vor dem Aufstieg einer Klasse von Amerikanern, die an Promi-Talkshow-Gefasel nicht interessiert sind. Letzteres ist natürlich eine nicht hinnehmbare Art von Antiintellektualismus.

Man sollte eigentlich nicht so hämisch reagieren: Es ist wirklich bereichernd, aus der Tür zu gehen, aus der eigenen Echo-Chamber, in die weite Welt zu gehen. Die privilegierten Entertainer machen das, kehren aber immer zu ihren abgeschirmten Wohn- und Party-Anlagen in California zurück. Hinter den von bewaffnetem Security-Personal geschützten Mauern, haben sie den Luxus zu reflektieren. Und das haben praktisch alle, die vorschnell geblökt haben, getan. Ein Anruf vom Steuerberater genügt, um die leeren Köpfe wieder zu füllen. Dazu winkt Donald mit Steuererleichterungen!

Sehen Sie: Carry und Bryan wissen es wahrscheinlich noch nicht, aber der damalige Präsident Obama hat mit Steuergesetzen für Fahnflüchtigen schon vorgesorgt: die ExPats bleiben dem IRS gegenüber steuerpflichtig und müssen dann alle ihre Bankkonten und Besitztümer der US-Regierung jährlich preisgeben. Und wenn sie ihre Staatsbürgerschaft abgeben sollten, wird unter Umständen eine einmalige Exit Tax (auf deutsch: Reichsfluchtgesetz) erhoben und ihre Namen in einem offiziellen „Name and Shame“ Regierungsblatt veröffentlicht.

William Wires, 12. Oct. 2017

——————————– English translation below by me————————————–

Recently I came across a strange Facebook commentary by Vladimir Kaminer (August 23,2017). It’s mainly about the controversy surrounding English-speaking waiters, which he encounters more often in Berlin. Without any further facts or references, he supposes: “I’m not surprised that an increasing number of Americans are looking for a job in Germany (because of a certain‘ Donald‘) and become waiters who can only speak English.

That makes me wonder, because I have been living in Berlin-Kreuzberg since the Reagan era. There has been a noticeable increase in the number of Americans, including other English-speaking nationalities – i.e. Englishmen and Australians – for about ten years now, more in connection with the regional crises in the European Union and worldwide. Germany, especially Berlin, is still hip and relatively cheap, and has a comparatively well-functioning infrastructure. How many Americans actually stay in Germany and pay taxes is difficult to determine. (I haven’t found any data on this.) Not everyone in Germany applauds entrepreneurial spirit: In my neighborhood in Kreuzberg, an immigrant from Brooklyn was recently the victim of hostile local „activists“ and even attacked. The young woman had left the United States in the early Obama years.

While googling I found the touching story of a publicity-seeking couple in the USA. How Carry and Bryan Howell spew out clichés is unfortunately typically American: no speed limit for cyclists,“well-organized“ German neighborhoods in Marxloh and in Neukölln, every day a „shopping heaven“ at KaDeWe. If they move to Germany, Berlin would probably be their destination. Whether the two of them will actually move is not important for journalistic integrity of Stern magazine. However, the couple should be aware of one thing: they will not find five hectares of land and a house with 280 sqm, like their current domicile, in any gentrified neighborhood. The house sale in Kentucky  should provide funds for about 100 sqm of living space in Prenzlauer Berg. The political views of the new neighbors will certainly correspond to theirs, especially with regard to the beekeeping addiction of Bryan.

Like Carry and Bryan, prominent Americans have promised to leave the United States immediately after Trump’s election as president, whether for fear of a new Reich with extermination camps or for the rise of a class of Americans who are not interested in celebrity talk show drivel. The latter is, of course, an unacceptable form of anti-intellectualism.

One shouldn’t really be so critical: It is really enriching to leave the homestead, to leave your own echo-chamber and go into the wide world. The privileged entertainers do that, but always return to their sheltered residential and party facilities in California. Behind the walls protected by armed security personnel, they have the luxury to reflect. A phone call from the tax advisor is all it takes to fill the empty heads again with common sense. Donald is already waving with tax breaks for the returnees who never really left!

You see, Carry and Bryan probably don’t know it yet, but President Obama has already set up appropriate tax laws for unpatriotic turn-coats: the ExPats remain taxable to the IRS wherever they reside and they will also be required to disclose all their bank accounts and assets to the US government each and every year. And if they should surrender their citizenship, a one-time exit tax (in German: Reichsfluchtgesetz) will be levied, and their names published in an official „Name and Shame“ government journal.

 

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