Bizim Kiez: mal rechtsextrem.

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Auf den Briefkästen im Haus fand ich Gratissticker „Merkel muss weg“ vor, mit abgebildeten Rautenhänden. Ich frage mich, waren es Nazis, die in den Kiez eingedrungen waren und klammheimlich Propaganda verteilt hatten? Die Nazis haben sich schon bis Neukölln durchgekämpft. Neulich wurde ein neues Restaurant auf der südlichen Seite des Görlitzer Parks von Rechten attackiert. Laut Ortsverein „Bizim Kiez“ waren es ein Dutzend vermummten Rechtsradikalen. Für eine Demo gegen Rechts gab es jedoch keinen Bedarf; es gibt affaires plus simples.

Der Wrangelkiez ist aber doch wehrhaft. Vor nicht all zu langer Zeit hat ein alteingesessener Kneipier einem Afrikaner den Eintritt zu seiner Kneipe verwehrt; davor hatte ein Türke in der Ohlauer Straße genau das gleiche getan und lauthals Afrikaner aus seinem Kebabladen verbannt. Nun wurde aber nur in der Falckensteinstraße lautstark gegen Rassismus demonstriert. Immerhin. Man kann eben nicht überall sein.

Der Gratissticker beunruhigt mich. Ich kann ihn nicht einordnen im Gegensatz zu den massiven Grafitti-Attacken im gleichen Hauseingang: überall wurden Juden beschimpft, erhängt und ins Gas geschickt… natürlich nur zeichnerisch. Die von mir angerufene Polizei – inkl. Sonderabteilung  für Hate Crimes – meinte mir gegenüber, dass es keine Einzeltäter sind, die im Wrangelkiez aktiv sind. Nun „Free Gaza“ und „Fuck Israel“ Grafittis an Dutzenden von Hausfassaden dürften bei manchen als freie Meinungsäußerungen gelten, zumindest aber als „kulturelles“ Dekor im Freiluftmuseum. Nicht jeder, der Israel lautstark und unerbittlich „kritisiert“ ist ein Nazi. OK, vielleicht ein Anti-Semit: das geht bei vielen Feministen durch („Ein Feminist kann kein Zionist sein“). Sogar die „kreativen Künstler“ im Kiez mahnen den Holocaust gegen die Palästinenser. Gut, heute redet man nicht über Brunnenvergifter, stattdessen wird über die angeblich von Israel verursachte Wasserknappheit gefaselt.

Am 1. Mai kann es mal vorkommen, dass stinkige Gase aus einem geographischen Spalt im Wrangelkiez entweichen: „Das jüdische Nazi-Regime bricht Rekorde über Rekorde. Der weltweit jüngste Inhaftierte befindet sich in jüdischen Foltergefängnissen (streng nach dem Talmud organisiert, in dem angegeben ist, wie mit Gojim umzugehen sei).“ Solche Ergüsse werden heftigst auf lokalen Facebook-Profilen geliked und kommentiert. Eine Nachbarschaft bäumt sich auf gegen angeblich von Juden dominierte Medien. Das passt zu den übrigen Verschwörungstheorien, die wie Herbstblätter durch die Straßen tanzen. „Bush knew.“

Als Ausgleich zum offenen Judenhass gibt es neuerdings ein Café mit israelischem Besitzer direkt im Kiez. Da ist man beruhigt. Toleranz wird im Wrangelkiez großgeschrieben… strategisch gesehen. Rassisten und Anti-Semiten konfrontieren führt eventuell nur zur Spaltung. Das wirkt sich auf den Tourismus ungünstig aus. Daher gucken die Kiezianer lieber weg; die Touristen sind sowieso ahnungslos.

„’Viele Türken wissen, dass (Fatih Camii)  eine Milli-Görüs-Moschee ist’, sagt Islamexpertin Claudia Dantschke. Milli Görüs wird vom Verfassungsschutz als extremistisch eingestuft, Verflechtungen mit der IFB (Islamische Föderation Berlin) sind bekannt. Die Föderation selbst bestreitet dagegen die Vorwürfe.“ Das war 2004 in der TAZ. Seitdem hört man von selbsternannten Kiez-Kennern und Tour Guides, dass sich alles zum Besseren – whatever the hell that means – entwickelt hat.

Es gibt aber leider Menschen – sagen wir mal ehrlich – sie sind Nestbeschmutzer. Es wird behauptet, „sie gehen zu eigenen Gunsten über Leichen“. In den Ladenfenstern kleben  schwarzgelben R4bia Sticker der Muslimbrüder, in den Facebook-Profilen lächeln sie mit dem national-faschistischen Wolfsgruß, und werden nicht müde Lobeshymen auf die Erdogan-Diktatur zu liken und zu verbreiten. Da wird man von solchem Fanatismus und rotweißen Nationalstolz regelrecht erschlagen. Man könnte vermuten, dass bei den Wahlen in der Türkei der Wahlausgang im Wrangelkiez entschieden wird. Man kann sich irren, wenn es einem an Sachverstand fehlt, zwischen Milli-Görüs und Grauen Wölfen zu differenzieren. Im Zweifel werden Email-Adressen von türkischen Regierungsstellen bei Facebook im Wrangelkiez veröffentlicht; dort kann man die Nestbeschmutzer anzeigen und denunzieren. Die Familien in der Heimat werden dran glauben müssen. Bizim Kiez approves of this message.

Um solchen rechtsextremen Identitären gebührende Ehre und Anerkennung zuzuweisen, wird für deren Inklusivität im „bunten“ Kiez hart gekämpft: „Wichtige Networker aus unserem Kiez“ engagieren sich „freiwillig“ und „unentgeltlich“, und sind daher „unentbehrlich!!“. „Kreuzberg ist interkulturell konfliktfähig“, behauptet das „Kiez-Über-ICH“, ein Mitglied des hintergründigen WrangelkiezRates und Betreiber von Ego-Extensions im Internet, völlig unpolitisch. Nicht nur die Fettesten lamentieren über die lokalen Kugeleispreise!

Wenn es um die Akzeptanz einer Notunterkunft im Kiez geht, müsste man vorweg verdauen, dass „es Frauen gibt, die treiben sich auf der Jagd nach Asylanten vor den Heimen herum. Sie kriechen am Boden der Gesellschaft herum.“ Eine andere Frau sieht das Gleiche „auf ihrer Arbeit immer wieder“. Man fragt sich, was für eine Arbeitstelle dürfte das denn sein? Arbeitet sie in einem lokalen Café?

Nein, Merkel muss nicht weg. Sie ist jeder Zeit im Wrangelkiez willkommen. Die örtliche CDU sowie die Wrangelkiez-„Aktiven“ freuen sich bestimmt.

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