Deutsche sind Very Important People

Syrer Hakenkreuz

„Dieses Hakenkreuz hat kein Nazi gesprüht.“ (Foto: dpa)

Auf der Website „Tichys Einblick“ ist ein Artikel von Alexander Wallasch, der kritisch (und polemisch) mit der neulich veröffentlichten 170-seitigen Studie „Die enthemmte Mitte. Autoritäre und rechtsextreme Einstellungen in Deutschland. Die Leipziger-Mitte-Studie“ umgeht. Aus seiner Kritik habe ich ein Paar Punkte herausgenommen und mir für mein Verständnis Gedanken gemacht.

Aus der Studie, die ich im Internet durchgeblättert habe, sieht es in Deutschland sehr düster aus. Hohe zweistellige Prozentzahlen von der Bevölkerung warten mit geladenen Waffen und geballten Fäusten. Worauf sie warten bevor sie losschlagen, ist nicht ganz klar. Der rechtsextremen NPD hat die Mitte der deutschen Gesellschaft jahrelang wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Auch bei der AfD ist das Interesse schwankend und unfokussiert. Auffallend ist aber der stetige Schwund bei der SPD, die ihren Wählern nichts Positives vermitteln können. Die Entfremdung der „Arbeiterklasse“ – bzw. was davon geblieben ist –  ist enorm.

Wenn bei den nächsten Bundestagswahlen die AfD nicht 40% erreicht, dann läge die Studie „Die enthemmte Mitte“ mit ihren apokalyptischen Schlussfolgerungen abseits der Realität. Oder vielleicht gibt’s andere Gründe warum autoritäre Menschen Die Linken, Die Grünen und die Traditionsparteien bevorzugen. Wenn die Prophezeiungen doch Realität werden, wohin werden alle zivilisierten Menschen in Deutschland auswandern? Zu untersuchen wäre, warum wollen Menschen ein solches Risiko auf sich nehmen und in einen völlig „enthemmten“, autoritären Staat überhaupt einwandern? Vielleicht haben diese Einwanderer ein ganz anderes, eher realistisches Bild von Deutschland, das den Aussagen der Studie widerspricht.

In der Studie selbst konnte ich keine Differenzierung in den Bevölkerungsgruppen sehen außer der immer wieder kehrenden Ost-West Dichotomie. Kulturen und Religionen in Deutschland wurden seltsamerweise als Faktoren nicht aufgenommen, obwohl gerade die unterschiedlichen Kulturwerte politische Einstellungen stark beeinflussen. In der Studie wird “rechtsextrem“ fein säuberlich herausgetrennt und grenzenlos vergrößert, alles andere Extremistische und Autoritäre dagegen ignoriert.

Wenn man von den wenigen in der Presse zitierten Fragen im Bericht ausgehend, etwas von dem Zwang und der Beschränktheit des Gesamtfragenkatalogs der Studie ahnt, dann ist es verständlich, dass die Hälfte der Probanden die Teilnahme gleich verweigert hat. Deswegen sind die Konklusionen von Vornherein erheblich komprimiert. Im Bericht wird der Fragenkatalog als weniger wichtig beiseite geschoben; damit behalten die Autoren die Interpretationshoheit für sich. Man kann es erahnen, was von Kritikern der Studie gehalten wird. Ich hätte selbst eine Teilnahme abgelehnt, weil manche mir zugänglichen Fragen mich als Migrant null angesprochen haben. Die sehr verschiedenen Migrantengruppen in Deutschland haben anscheinend keine gesellschaftsrelevanten extremistischen Ansichten. So viel drücken die Fragen aus.

Frage 09: „Eigentlich sind die Deutschen anderen von Natur aus überlegen.“

Wie sollte ich als Migro-Deutscher die Frage überhaupt begreifen? Wenn ein türkisch-stämmiger Erdogan-Verehrer die Frage mit Nein beantwortet, ist er dann statistisch gesehen ein lupenreiner Demokrat? Wie soll ein Russland-Deutscher die Frage antworten? Oder ein überlegener Ami wie ich?

Frage 02: „Ohne Judenvernichtung würde man Hitler heute als großen Staatsmann ansehen.“

„Frage 02 ist ohnehin Käse – schließlich sind Judenvernichtung und Hitler nicht voneinander zu trennen. Die Fragestellung hat so viel Aussagekraft wie etwa: Hätte Stalin nicht rund 20 Millionen ermorden lassen, wäre er dann ein guter Staatsmann gewesen?“ (Alexander Wallasch)

Hierzu mein Vorschlag zum Fragenkatalog: „Die Osmanen hatten ein Recht darauf, Volksverräter wie die Armenier und die Kurden zu vernichten.“

Wenn beispielsweise Antisemitismus nur bei „Rechtsextremen“ gemessen wird, wären die Erhebungen dann praktisch wertlos, da Extremismus angesichts des ganzen politischen und gesellschaftlichen Spektrums in Deutschland an einem Ende der Bandbreite reduziert wurde. Eine maßgebliche Definitionsfrage wäre: sind alle Antisemiten ausschließlich rechtsextrem?

Wenn man jahrelang für den Staatssicherheitsdienst eines autoritären Staates gearbeitet hat, ist man geeignet, Mitbürger in einer Demokratie auszuforschen und zu denunzieren? Das war nur rhetorisch gemeint. Die „Mitarbeit“ hat sowieso niemandem geschadet. Und ist nicht extremistisch, oder?

Noch eine Frage: „Das oberste Ziel deutscher Politik sollte es sein, Deutschland die Macht und Geltung zu verschaffen, die ihm zusteht.“

Was steht Deutschland zu? Tricky question. Auch wenn man glaubt, dass Deutschland keine „Macht und Geltung“ zusteht, müsste man die Frage mit „ja“ beantworten. Ups, noch ein Nazi für die Statistik. Zugegeben, da waren noch ein paar suggestive Sätze davor in der Frage, aber meistens wird der letzte Satz richtig wahrgenommen.

Bei der Studie fehlen Kontrollgruppen. Man hätte den Fragenkatalog zumindest in der EU einbetten und den in Deutschland lebenden Migranten und Ausländern einen Rahmen und eine Stimme gegeben. Extremismus als Ganzes ist ein gesellschaftliches Problem. Die typisch deutsche Nabelschau, die in der Studie akzentuiert wird, ist europafeindlich und sogar ein wenig rassistisch. Das oberste Ziel der Studie scheint, sich eine eigene „Macht und Geltung“ verschaffen zu wollen.

William Wires, 23. Juni 2016

Siehe auch „Studie ohne Hemmung“ von Jörg Friedrich.

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