Chicken Shit

BioCompanyLeinwand

Die anonyme Bürgerwehr im Wrangelkiez fühlt sich verpflichtet und muss handeln. Bio-Company, ein kleines, mittelständiges Unternehmen hat es gewagt, eine Filiale im Museumsdorf Wrangelkiez aufzumachen.

Unmut wurde schon bei der Baustelleneinrichtung kundgetan. Ein Baum wurde im Februar 2015 gefällt und Schuld daran sollte Bio-Company haben. Besonders erregte Protestler schrieben auf ein in der Nähe der Baustelle, neben dem Baumstumpf, aufgestelltes Leinwandplakat: „Der Scheiß Bio-Supermarkt hat mein Leben ruiniert! Fuck you B.C.!!“ Auf der 60/50 cm Leinwand mit dem dümmlichen Text, die ich abmontiert hatte,  habe ich ein Ölbild der Bio Company gemalt.

Auf eine simple Nachfrage beim bezirklichen Grünflächenamt wurde ich übrigens umgehend informiert, dass der Bezirk selbst die Fällung des Baumes angeordnet hatte, aufgrund „einer Baugenehmigung für einen Biosupermarkt auf dem Grundstück Skalitzer Str. 72 Ecke Oppelner Str. 2. Dazu muss das Grundstück über eine Feuerwehrzufahrt verfügen. Leider stand der Straßenbaum dieser Feuerwehrzufahrt im Wege.“ und „selbst für Fahrradwege fallen gelegentlich Bäume“. Also, sogar Fahrräder ruinieren die Leben von Stadtbäumen. Hier endet das selbst hochgeschätzte Polit-Bewußtsein solcher zärtlichen Seelen mit blutenden Gärtnerherzen, die in jedem geschnippelten Strauch den Weltuntergang herbei beschwören. Und welche Bürgerwehr lässt sich angesichts der Fakten von ihren kruden und sinnfreien Sprüchen abbringen?

In „unserem Kiez“, dem Wrangelkiez, wird Gemüse großgeschrieben; es wird sogar aus verklebten Zeitungen Gemüse als „Kunst“ geformt und teuer zum Verkauf angeboten. Alles frisch. Wo das echte Gemüse herkommt, was für Arbeitsbedingungen in den Herkunftsorten herrschen, sprengt jedoch die intellektuelle Kapazität mancher örtlichen „Aktivisten“. Im Wrangelkiez ist es vielen bange, ob der Türke seinen Gemüseladen weiterhin museal gerecht behalten darf. Wenn es allein um das wirtschaftliche Überleben des Ladens („Bizim Bakkal“) ginge, dann wäre bei nur 10% der Unterstützer aus dem Bizim Kiez Fanklub als Kundschaft der Umsatz beträchtlich. In Wirklichkeit trifft man viele Bizim-Fans – auch wenn sie lokale Cafébetreiber sind – bei der Konkurrenz in der gleichen Straße, einem berlinweiten mittelständigen Lebensmittelmarkt, der Räume nach einem Jahrzehnt Leerstand bezogen hat. Davor war dort ein noch wesentlich größeres international agierendes Lebensmittelunternehmen, das niemanden im Geringsten störte. Der neu aufgemachte Lebensmittelladen steht unter der Regie eines Einwanderers, der nicht die zugewiesene Rolle eines „unseren kleinen Alis“ spielen will, sondern „sein Platz“ in der Gesellschaft selbst bestimmt.

Bio ist bei den „Aktivisten“ out, das ist inzwischen klar; für den Billigheimer wird das alles viel zu elitär, gentrifiziert. Ein möglichst kleiner Bioladen reiche vollkommen aus, solange nicht profitorientiert und er sich zumindest historisch mal Kollektiv genannt hatte. „Teuer“ sind solche Läden sowieso; sie bedienen eine spezielle Kundschaft. Die Betreiber solcher Läden kämpfen oft ums wirtschaftliche Überleben. Nun ist die Nachfrage nach Bio- und Lokalprodukte größer geworden, weshalb die Konkurrenz nicht auf sich warten lässt und andere Lösungen gefunden werden müssen.

Es gibt besorgte Stimmen, die nach der Bezahlung und der Arbeitsverhältnisse in den Bio-Supermärkten fragen. Wenn ein „Bio“ vor dem Firmennamen steht, wird mit einem Geschütz aufgefahren, mit dem sonst keine Lebensmittelfirma kritisiert wird. Die Verlogenheit ist offensichtlich, da keiner öffentlich (zB in den Foren) nach den Arbeitsverhältnissen in den touristischen Gaststätten fragt, die sich von der Oberbaumbrücke über die Falckensteinstraße bis rüber zum Lausitzer Platz ausgebreitet haben. Diese höchst fragwürdige Fresskultur – billig und ausbeuterisch in jeder Hinsicht – spezialisiert sich darauf, möglichst viele Touris und Office People, raumgreifend auf Gehwegen und Kleinstplätzen (dank der Großzügigkeit des Bezirksamtes), zu befüttern. Der Rubel muss rollen auf Kosten der Anwohner.

Die allerschlimmste Gruselfressbude im östlichen Kreuzberg ist ein Ableger von Plukon Food Group BV, einem schwergewichtigen Unternehmen, das weltweit Unwohl stiftet und die Umwelt vergiftet. Im Bereich des Lausitzer Platzes halten dauernd Autos an, wo sich die „unterschiedlichsten Menschen vom Schauspieler über Taxifahrer, Polizisten bis hin zum Punk“ in jeder Hinsicht billiges Chicken reinpfeifen. Mieter in der unmittelbaren Umgebung müssen den Ekel erregenden Gestank und den Lärm aushalten… und das jeden Tag bis spät abends.

Man muss sich fragen, wie es dazu kommt, dass viele Lebensmittelprodukte so billig im Preis sein können. Ich finde es bedenklich, bzw. verächtlich, wenn manche meinen, dass sich arme Leute mit Billigfraß aus einer kranken Produktion zufrieden geben sollen und dann über die Preise bei Bioläden meckern. Die Lokalproduzenten, die „mit ökologischen, regionalen und fair gehandelten Produkten“ handeln, sind nicht hauptverantwortlich für die Agrarpolitik und sozialstaatlichen Standards. Im Gegenteil, sie agieren kritisch.

„Essen ist auch politisch.“ EU Subventionierungspolitik lässt weltweit ganze Landstriche verarmen. Das ist schockierend.

„Mittlerweile ist die Fleischbranche durch andere Subventionen sowie die verstärkte Industrialisierung und Konzentration so effizient geworden, dass sie die EU-Hilfen nicht mehr benötigt. Allein der Verkauf von Hühnchenfilet im Heimatland finanziert offenbar schon das ganze Huhn. Der Rest kann auch ohne Subventionen billig exportiert werden. Allein seit 2010 hat die EU ihre Geflügelfleischexporte nach Afrika um knapp zwei Drittel gesteigert, Deutschland im gleichen Zeitraum sogar um stolze 166 Prozent. Die Nahrungsmittelindustrie der EU hat die Geflügelwirtschaft in vielen afrikanischen Ländern mit ihren Dumpingpreisen binnen weniger Jahre vernichtet. Da jetzt keine Konkurrenz mehr droht, können die Hersteller die Preise wieder anheben – die Gewinne werden üppiger.“

Zu den „Aktivisten“ die vor dem Hähnchenimbiss Schlange stehen, sagt der afrikanische Bauer: „Sie haben mein Leben ruiniert! Fuck you.“

William Wires, 24. Mai 2016

Weitere Quellen:

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-87649524.html

http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/lebensmittel-toedliche-tomaten-und-billige-haehnchen-1.218502

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