Soziale Vereinbarkeit

Falcke19

„Das ist soziale Ökonomie“, sagt ihr. Quatsch! Das ist Kapitalismus in Reinform. Erzählt mir bloß nicht, es ginge euch um den internationalen Austausch, um all die netten Leute aus der ganzen Welt. Dafür gibt es Couchsurfing.“ –Die Zeit

Nach diesen und anderen Kritikpunkten zum Thema Ferienwohnung schließt die Autorin ihren oben zitierten Artikel mit folgendem Geständnis ab: „Ich habe Angst, dass dann in meinem Kopf die Airbnb­-Werbung läuft und sich eure Ausreden plötzlich nicht mehr heuchlerisch anhören, sondern verlockend. Dann seid nicht mehr ihr es, die mich wütend machen. Dann bin ich es selbst.“

Wütend ist die Frau, weil sie kein sicheres und preiswertes WG-Zimmer im coolen Szenenbezirk findet, sozusagen in einem gemachten Nest. Millionen von ganz normalen Menschen wohnen und leben in den Außenbezirken von Großstädten, wo die Wohnungen oft preiswerter sind. Außerdem, lässt sich für Studierenden in ruhigeren Vierteln ohne Bierbank-Futterstellen, hippen Clubs und Flaschenbier-Kioske konzentrierter lernen.

Früher hat man sich in Wohngemeinschaften „international“ ausgetauscht, wo meistens jede/r gleichberechtigte WG-BewohnerIn einen Anteil an Miete und Nebenkosten, inkl. TAZ-Abo, geleistet hat. Dazu war öfters Besuch in der WG von Auswärtigen, die mal für kurze oder längere Zeit einen authentischen innerstädtischen Kiez kennen lernen konnten. Diese kostenlose Möglichkeit unterzukommen hieß lange Zeit Couchsharing. Mit den Möglichkeiten des globalen Internets werden nun diese Unterbringungsoptionen gewinnbringend umgestaltet. Tourismus trumpft Wohnen, 365/24.

WG-Zimmer und Couchsharing für Profit lassen sich inzwischen „sozial“ rechtfertigen. Neulich entdeckte ich ein Geschäftsmodell, mit dem sich mehrere Krisen profitabel zusammenbündeln lassen: hohe Mieten im Szenebezirk, Tourifizierung und Zuschüsse für die Unterbringung von Flüchtlingen, woraus sogar eine bescheidene Querfinanzierung vom Wohneigentum möglich ist. Eine qualifizierte Fachausbildung in Hotellerie oder in Sozialpädagogik kann man durch die Gründung eines privaten Vereins quasi umgehen, damit das Ganze trotzdem den Anstrich von Seriosität und Kompetenz erhält. Mit einer schwammigen, aber „feel-good“ verfassten Vereinssatzung lässt sich mancher Nachbar überzeugen, und den Dreck, den Lärm und alle anderen Nachteile mit einem aufgesetzten Lächeln kompensieren. Gemeinnützigkeit ist keine gute Idee, da finanzielle Rechenschaft verlangt wird; das würde die Eigennützigkeit des Geschäftsmodells widersprechen. Hier ist eine zeitgemäße Musterbeschreibung:

„Wir sind ein Verein und unterstützen die vielen Flüchtlinge. Die beiden Mitbewohner der WG stammen aus (irgendeinem Land woraus geflüchtet wird) und heißen Euch willkommen. Sie kennen den Kiez wie kein anderer und können euch die Probleme (in der Nachbarschaft) aus ihrer Sicht schildern. Mit eurer Miete finanzieren wir u.a. die WG (Wohneigentum schreibt man hier nicht!) Also: toll wohnen und noch Gutes dabei tun, was will man mehr?“

“Dann seid nicht mehr ihr es, die mich wütend machen. Dann bin ich es selbst.“

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Deutsch, Lokalpolitik abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Soziale Vereinbarkeit

  1. Hessenhenker schreibt:

    Ich bin auch für Problemsharing.
    Deshalb habe ich die Medien eingeladen, sich gegen eine geringe Aufwandsbeteiligung mit mir zusammen in einem zur Zeit nicht als WG genutzten Bunker auf den Philippinen meiner Vergasung beizuwohnen.
    Als Geschäftsmodell für Sozialpädagogen nicht tauglich, denn danach ist man mutmaßlich nicht mehr zum Geldausgeben in der Lage.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s