Pittoreske Postkarten

Existenzen„Existenzen“ 2013 Ölbild 50/40 cm

„Manche unterscheiden zwischen Gewalt gegen Menschen und gegen Sachen, zB. gegen noch nicht bezogene Flüchtlingsheime. Soziopathisch „besorgte“ Bürger sind diese Brandstifter. Die Frage ist nicht, was ist der Unterschied zwischen einem Luxusauto und einem leeren Bürogebäude, sondern die Frage ist: entscheidet der selbst berufene Bürgerwehr wer wo wohnen darf?“

Hengge01

Die Initiative „Bizim Kiez“ ist mir kein „Dorn im Auge“. Im Gegenteil: ich beteilige mich auf meine Art mit Kritik und Beobachtungen zu den relevanten Themen. Mit den Menschen unterhalte ich mich während meiner Arbeit als Vor-Ort-Maler. Ich erfahre sehr viel über die unterschiedlichsten Ansichten durch Gespräche mit Bewohnern und Ladeninhabern. Es gibt erstaunlich viele Kiezbewohner, die die direkte Auseinandersetzung mit der Initiative aus unterschiedlichen Gründen scheuen. Zwei Ladeninhaber sagen mir hinter vorgehaltener Hand, dass die Hängung der liebevoll gestalteten „Bizim“-Plakate im Ladenfenster als eine Art „Glasversicherung“ dienen soll. Kann sein, dass sie übertreiben.

Bereits im Sommer 2012 habe ich in der inzwischen eingestellten Zeitung „Der Kreuzberger“ einen Artikel „Unser Laden“ mit einem Ölbild von Bizim Bakkal anhand der Renovierung des Ladenschildes veröffentlicht. Den Architekten, der das Schild auf eigene Kosten renovierte, kenne ich; auch von anderen aus der Initiative lass’ ich mich über den Stand der Dinge informieren. Einige Mitstreiter sind aber inzwischen mit Enttäuschung aus unterschiedlichen Gründen aus der initiative ausgestiegen. Kann passieren.

Ja, es gibt „Kunstfälscher“, die nichts fälschen (welche spezifische Plakatbotschaft wurde gefälscht?) und Kreativen, die sich selbständig und selbstlos eines fremden „Bildchens“ für eine „pittoreske“ Sache wortlos nehmen. In anderen Worte: ein Bessermensch klaut und sagt „oops“. Dass ein Künstler, ein Urheber, auf Nutzungsrechte pochen könnte, weißt sogar der gewissenlose Imageberater. Weil die Sache edel ist, bleibt das eigene Image sauber. Und Image ist Geld.
Die grün-gelbe Gestaltung des Schildes beeindruckt mich immer noch; weniger der Spruch: Der Zweck heiligt die Mittel. Übrigens, ein Originalbild habe ich noch nie an einen Touristen verkauft; auch die kleine Auflage Postkarten verkauft sich Monat für Monat seit langem erstaunlich konstant. Kein „Bizim Kiez“ Bonus hier. Mein Ölbild „Bizim Bakkal“ wurde schon im Jahre 2012 ausgestellt und von einem Kreuzberger erworben. Das könnte aber anders sein für Kleinkunstdarsteller, Hobbyschreiber und Büro-Sharer. Ich wünsche ihnen damit allen Erfolg.

Dass Straßen-Versammlungen mit Gentrifizierungsdruck zu tun hätten, wäre in der Tat eine verworrene Einschätzung. Es geht schlicht und einfach um was ganz anders: die massive Privatisierung des öffentlichen Raums in einem verkehrsberuhigten Bereich, der ursprünglich für alle Bewohner eingerichtet wurde. Die brachiale Umwidmung von Nutzungen ist vom Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg gewollt. Burgomeister Moni H. mit ihrem Gerede von einem „Dopey D“ Coffee Shop heizt die Stimmung im Kiez an. (Und damit ist der beschauliche Bergmannkiez, wo sie neulich ein Schnäppchen am Wohnungseigentumsmarkt ergattert hat, absolut nicht gemeint.) Das alles führt zu steigenden Gewerbemieten, einer „Gastronomisierung“ und einem bekifften Massentourismus unterster Kategorie.

Bei der Intiative „Bizim Kiez“ ist die Widersprüchlichkeit sichtbar, wo man meint, dass mit Stellvertreterkrämpfen etwas dauerhaft Inhaltliches erreicht wird. Die Helden treten furchtlos auf der dörflichen Freiluftbühne auf; die Bösen sind weit weg. Am Rande geistern unwidersprochen opportunistische Mitläufer herum, die mit gewaltsamen Aktionen unterstreichen wollen, wer zum Kiez gehört oder eben nicht. Aus diesem Sumpf rotten sich „besorgte Bürger“ in informellen, aber „engagierten“ Bürgerwehren zusammen. Übrigens, mein Plakat „Straßenköter“ hat mit der Initiative „Bizim Kiez“ nichts zu tun, sondern ist ein Zitat aus einem online Kiezgespräch –also aus dem echten Leben -, wo diskutiert wurde, wen sollen „wir“ heute verjagen? Vom Administrator der „Bizim Kiez“ Initiative wurde ich über die private Videoüberwachung im Kiez angeschrieben und gefragt, wo die Kameras im Straßenraum aufgebaut sind. Meine Antwort habe ich in Plakatformat aufbereitet. Anschließend an mein mehrjähriges Bemühen um das Thema, steht es der Initiative frei, gegen diesen Missstand zu agieren.

Um die Frage zu beantworten, warum Geld nicht zusammenlegt wird, um den Bizim Bakkal Laden aufzukaufen, müsste man bei den 3-4 lokalen Besitzervereinen nachfragen, wie sie das geschafft haben, die damaligen Marktpreise an Hauseigentümer zu bezahlen. („Deshalb zählten (sie) zu den verpönten Verhandlern.“) Die inzwischen stark gestiegenen (Beleihungs-)werte der Immobilien sind ausreichend für historisch niedrig verzinsten Kredite. Nicht wenige der „Bizim Kiez“-Unterstützer, die auch selbst Wohnungseigentümer im Kiez sind („wodurch (Investoren) wirklich am Ziel angekommen (sind)“), dürften auch Ratschläge offerieren können.

Im letzten Jahr sind vier Läden im Wrangelkiez zum ersten Mal in Gastronomie umgewandelt worden und mit großzügigen Freiflächen zulasten der Anwohner durch den Bezirk quasi beschenkt. Die Chancen stehen nicht schlecht für noch eine gastronomische Einrichtung, oder noch einen Späti in der Wrangelstraße 77.

William Wires, 5. Feb. 2016

Das Ölbild „Existenzen“ im Facebook.

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