Not Welcome

Farbeier

Foto: William Wires

„Neues Wohngebäude an der Ecke Johanniter- und Brachvogelstrasse in Kreuzberg – tiefe Frustration verursacht durch Gentrifizierung des Kiez (Nachbarschaft) und der enorme Anstieg der örtlichen Mieten macht sich wieder bemerkbar.“ – kreuzberged.com (Facebook), 7. Nov. 2015

Farbeier gegen Fassaden zu werfen, dürfte inzwischen eine relativ moderate Ausdrucksform der Frustration sein. Man könnte diese Aktionen als sinnlosen Vandalismus oder als artsy-fartsy verharmlosen und abtun. Im schlimmsten Fall könnte man solche Aktionen als der Beginn eines auf Hass und Neid basierenden Eskalationsprozesses bezeichnen. Im September 2014 in Kreuzberg, eskalierten Wutanfälle mit dem Zerschlagen von Fenstern von bewohnten Mehrfamilienhäusern und dem Abfackeln von Autos und Bussen, ohne Rücksicht auf Menschenleben.

Ich bin mir nicht sicher, aber es könnte eine deutsche Eigenschaft sein, Unterkünfte, Wohnungen, Wohnhäuser usw. in Brand zu setzen. Schadenfreude? In den Medien liest man, dass solche Attacken von „besorgten Bürgern“ ausgeführt werden. Aber hier muss man äußerst differenziert vorgehen. Nicht alle Wohnhäuser sind gleich; Die Unterschiede können auf Gesetzen und Politik beruhen, oder die wirtschaftlichen Verhältnisse ihrer (zukünftigen) Bewohner spiegeln. Im letzteren Fall, sollen wir uns über die verwirrten Gefühle eines syrischen Arzt wundern, der sich irgendwann in der Zukunft im Leben gut positioniert hat – und nun um seine Familie fürchten müsste, wenn seine fast fertige Eigentumswohnung in Flammen aufgeht? Sind sie dann nicht mehr willkommen? Wurde diesen und deren Nachbarn – die Bewohner eines ganzen Wohnhauses – nicht klipp und klar zu verstehen gegeben worden, sie sollen abhauen? Sollten sie weiterhin mit Gewalt rechnen? Der deutsche Justizminister Heiko Maas (SPD), eine unbefleckte moralische Instanz in der deutschen Politik, twitterte, „Gewalt müssen wir entschieden entgegen treten.“

Es muss für selbsternannte Aktivisten frustrierend sein und, trotz der Moralpredigten von Herrn Maas, zur Verzweifelung führen, wenn zwischen guten und schlechten Gebäuden, guten und schlechten Menschen unterschieden werden sollte, bei gleichzeitiger Minimierung von Kollateralschaden. In meiner Nachbarschaft habe ich mit Personen gesprochen, deren Autos in Brand gesetzt wurden. Ein Autobesitzer war ein Künstler, der unterprivilegierte Kinder im Norden von Berlin unterrichtete; der andere ein Hausmeister, der Treppen kehrte. Müssten diese Menschen nicht anerkennen, dass es höhere Ideale als ihre erbärmlichen Existenzen gibt? Ich kenne auch mehrere Familien – einige von ihnen sind Einwanderer, die neu gebaute Wohnungen erworben haben. Es mag für einige Kreuzberger überraschend sein, aber es gibt Menschen, die arbeiten, Familien ernähren und Steuern zahlen. Manche stammen aus Ländern, wo Wohneigentum normal ist, und es wenn möglich vermeiden, monatliche Mieten zahlen zu müssen.

In Berliner Stadtvierteln gibt es jene Skeptiker, die Außenseiter zum Nachdenken bringen: Wer sind die Vandalen, die Brandstifter, die Hasser? Man hört, sie seien Linke, Neonazis oder sogar Mormonen. Es gibt keine Beweise, nur Vermutungen. Daher ist die Anspielung auf eine „tiefe Frustration wegen einer Gentrifizierung“ eine irreführende Behauptung. Es bleibt nur eine Option: „Alle Bürgerinnen und Bürger sollten sich solcher Gewalt widersetzen.“

William Wires, 19. Nov. 2015 (in English)

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