„Zerstörte Vielfalt“ und die Werner-Viktor Toeffling Stiftung/ unbeantworteter Brief

Synagoge Fraenkelufer 2b

„Synagoge Fraenkelufer“ 2013 oil painting 100/70 cm

William Wires
10997 Berlin

Werner-Viktor Toeffling Stiftung
Kyllmannstraße 15
14109 Berlin

Berlin, 29. April, 2013

Sehr geehrte Frau Toeffling-Keller,
Sehr geehrter Vorstand der Werner-Toeffling Stiftung,

in diesem Jahr wurde das Thema „Zerstörte Vielfalt“ von der „Werner-Viktor Toeffling Stiftung“ übernommen und ergänzt mit „Das Berliner Themenjahr 2013: 80 Jahre Machtübernahme der Nationalsozialisten bis 1938: 75 Jahre Novemberpogrome; und deren Folgen bis heute: 2013“.

Das Thema ist mir nicht neu, da ich mit meiner Vor-Ort-Malerei oft mit zerstörter Vielfalt im weiteren Sinne konfrontiert bin. Mit der historischen Machtergreifung in Deutschland haben wir u.a. mit einer Intoleranz zu tun, die zu einem Weltkrieg und Zerstörungen geführt hat.

Was mich am Thema speziell interessierte, war der Bezug zur heutigen Zeit, nämlich das Jahr 2013. Von der Vergangenheit lernen wir sehr viel, aber wir sollten auch und vor allem in der Gegenwart aufmerksam bleiben und agieren, damit die Zukunft uns friedlich erhalten bleibt.

Mein künstlerischer Beitrag zur Ausstellung bezog sich dementsprechend auf aktuelle Realitäten. Mir ging es um die Auslegung des Themas, das ausdrücklich auf die Folgen der zerstörten Vielfalt Bezug nimmt. Es wurde in der Einladung an die Künstler besonderer Wert auf Wettbewerbsbeiträge gelegt, die „einen Überblick zur heutigen Auseinandersetzung mit dem Berliner-Stadtbild“ geben sollten.

Am Paul-Linke-Ufer in Kreuzberg steht noch ein Seitenflügel einer Synagoge, die sich als Bildmotiv direkt auf das Novemberpogrom bezieht. Ich wollte aber keinen ausschließlich historisierenden Bezug herstellen, sondern weise auf eine aktuelle Situation hin. Diese Synagoge, wie auch noch andere in Europa, müssen polizeilich geschützt werden. In meinem Bild musste ich nichts konstruieren; die Videoüberwachung, die vergitterte Abgrenzung und die Polizeipräsenz sind aktuell sichtbare Realitäten. Mein Kunstwerk ist auch Ausdruck meiner Haltung zur Geschichte, die einer Gesellschaft nur nutzt, wenn sie heute erlebbar ist und eine kritische Auseinandersetzung ermöglicht.
Daher verwies ich auf die Gegenwart und freute mich daher, an der Kunstausstellung und dem Wettbewerb teilzunehmen. Ich war auch gespannt, wie die anderen Teilnehmer „Zerstörte Vielfalt“ und „Folgen bis heute: 2013“ künstlerisch behandeln. Es ist kein einfaches Thema.

Ein Kunstwerk kann nicht lückenlos alle Fragen beantworten. Kunst ist nicht reine Illustration. Der Künstler stellt meistens Fragen durch seine Kunst, und sollte dabei den Betrachter animieren, sich selbst subjektive Fragen zu stellen. Spezifisch zu meinem Bild, könnte ein Betrachter sich fragen, warum parkt ein Polizeiauto vor einer Synagoge? Warum die Videoüberwachung und das Stahltor? Wogegen wird das Gebäude geschützt? In Zusammenhang mit dem Ausstellungsthema, fragt man sich, was hat das Bild mit „zerstörter Vielfalt“ zu tun? Wird kulturelle Vielfalt auch heute bedroht?

Von der Stiftung wurden 16 Künstler eingeladen. Das ist eine überschaubare Zahl an Teilnehmern, mit der man im Zweifelsfall Kontakt aufnehmen kann. Nach meinem Verständnis würde ein Veranstalter – insbesondere eine Kulturstiftung – großen Wert auf das eigene Image legen und jeden einzelnen Teilnehmer soweit betreuen, dass durch die Beiträge das Ziel, das Thema qualitativ und künstlerisch mit Inhalt zu füllen, ohne dabei die künstlerische Freiheit einzuschränken, erreicht wird. Wenn die Jury die Aussage eines eingereichten Kunstwerkes nicht zu durchdringen vermag, kann erwartet werden, dass beim betreffenden Künstler nachgefragt wird, welche Intention hinter der Auswahl des betreffenden Motivs steht. Anderenfalls würde das Gemälde vielleicht gar nicht ausgestellt werden, wenn nach Meinung der Jury das Thema verfehlt wurde? Es ist selbstverständlich, dass die Stiftung im eigenen Namen Exponate nicht ausstellen darf, die im Sinne des Ausstellungszweckes nicht verständlich sind. Schließlich wurden Fotos der Arbeiten von den Eingeladenen vorab eingeschickt und gaben so der Stiftung ausreichend Zeit Unverständlichkeiten zu klären und nach fehlenden Informationen zu fragen. Es sollte doch weder die Stiftung ein Interesse an der möglichen Blamage des Künstlers in der Öffentlichkeit haben, ebenso wenig wie an einer Blamage der Stiftung selbst. Es kann auch nicht im Interesse der Stiftung sein, wenn von einem oder dem anderen Künstler kein aktueller Lebenslauf eingegangen ist, und nicht nachgefragt wird, wenn ein solcher lückenhaft, bzw. nicht aktuell ist. Neben der eigenen Verantwortung der Teilnehmer, müsste doch auch die Stiftung ihre öffentliche Erscheinung pflegen.

Eine Ausstellung zu organisieren, erfordert viel Engagement und Arbeit: Die Auswahl der Bilder, die Betreuung der Künstler, die würdige Ausstellung der Exponate, die Sicherung der Zusage von Rednern bei der Eröffnung. Auch die Künstler müssen viel über das Kunstschaffen hinaus leisten: Die Einrahmung, die Lieferung und die Abholung der Bilder, usw. Nur schade, dass die Stiftung kein Ausstellungshonorar für die eingeladenen Künstler vorsieht, eine generelle Forderung des Berufsverbands Bildender Künstler. (Mehr zu Ausstellungshonorar: http://www.bbk-berlin.de/con/bbk/front_content.php?idcat=98 )
Die von der Stiftung ausgewählten Künstler und sorgfältig begutachteten Einreichungen sind es auf jeden Fall wert, die Leistungen der Künstler zu honorieren.

Trotz einer Pressemappe der Stiftung, wurde die diesjährige Ausstellung nach meinen Recherchen in der Tagespresse leider gar nicht erwähnt. Dabei wäre es doch schön, wenn die Arbeit der Stiftung und die der Künstler gleichermaßen in der Öffentlichkeit gewürdigt würden!

Mit freundlichen Grüßen
William Wires

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