Schleichwerbung

Eine verschwörerische Begegnung mit einem Autodidakt, der – im wahren Sinne des Wortes – vor sich hinwurschtelt. Eine geniale, und – versprochen! – einmalige künstlerische Idee wird begeistert und mehrmals gelobt: ein Künstler bearbeitet Berliner Tagesspiegelseiten mit einer nicht näher definierten klebrigen Masse in zwanglos genannten Papierplastiken. Völlig entspannt – „so wäre das doch mit den Künstlern“ – wird einer Gentrifizierung mit einem angebeamten Immobilienhai und einigen Ratten aus Pappmaché therapeutisch begegnet. Die Begeisterung und Ehrfurcht der 1000 gefühlten Touristinnen und Touristen grenzt an „Cindy sucht den Superkünstler“. Spätestens dann ist die – zwanglose – Entspannung verflogen.

Frans Scholten, den ich als lokalen Schriftsteller sehr schätze, – ich habe alle seine Bücher gelesen – führt mit seiner Romanfigur in „Die Kreuzberg Saga“ weiter zum Görlitzer Park und trifft, wen sonst als mich, „Big Boy“ genannt, damit ein gewisser Kontrast zum Kleingebäck hergestellt wird. Natürlich beruht die Geschichte mit einem geschäftstüchtigen Afrikaner, das Nachfragen nach der Malerlaubnis auf der Cuvrybrache, auch das Malen des winterlichen Görlitzer Parks draußen in der Kälte nicht auf wahren Ereignissen, so wie im Vorspann von Krimifilmen manchmal zu Lesen ist. Leider ist der wärmende Tee auch eine Fiktion; manche sind eben großzügig in Gedanken. „It’s the thought that counts“. Tatsächlich werde ich öfters nach Portraits gefragt; eins davon habe ich neulich für ein respektables Geld verkauft. Übrigens, nur einen rumänischen Familienvater mit seinen zwei Kindern hatte ich aus eigener Initiative gefragt, ob ich sie von Fotos malen darf; sie wurden mit Geld und einer guten Farbkopie des Ölbildes belohnt. Dass man automatisch Chronist sei, wenn man urbane Fassaden und Situationen – nebst Menschen – malt, ist nicht besonders tief in der Analyse, aber es geht um eine Erzählfigur, die man in einem kurzen Romanauszug nicht gleich erfassen kann. Den Tiefgang findet man sicherlich woanders im Roman. Auf der Straße wurde ich vom Autor schon mal angesprochen; seine mitteilsamen Vorträge sind, wie seine Absätze, besonders lang (-atmig), aber unterhaltsam. Wenn er aufopferungsvoll nur die Zeit finden könnte, meine kurzen Artikel im Internet zu begreifen, würde die Mühe mich ehren. Aber leider stört ihm seine maladie des nerfs die Konzentration. Nur die zwanglose Entspannung kann ich empfehlen.

Auf den Roman bin ich aber angespannt.

William Wires, 25. Okt. 2015


Auszüge aus dem Roman, „Die Kreuzberg Saga“ von Frans Scholten

Die Person. die als Ich-Person auftauchen wird, ist eine Figur aus dem Krimi. Sie heißt: Britta Spatzek, ist Ende dreißig und politoxoman veranlagt. Derzeit liegt sie im Urban-Krankenhaus, da sie sich selbst angeschossen hatte. Ihre Zeit verkürzt sie sich dort mit etwas Salbeikraut, dass sie aus Mexiko hat. Sie kommt langsam wieder runter und erinnert sich.

Nach Luft schnappend segelte ich über das zentrale Stelenfeld hinweg, schwebte über das Zickzacki-Libeskind-Museum hinweg weiter nach Kreuzberg. Und eh ich mich versah, tat sich unter mir die O-Straße auf, blinkten dort unten die Lampen und Lämpchen, ich startete durch and mein ICH setzte in weitläufigen Görlitzer Park zum Landeanflug an. Mich lockte der Wrangelkiez, lief ich bald die Falckensteinstraße hoch und wusste selber wohl, dass ich auf der Suche nach Kunst war. Doch as war unumgänglich mir das einzugestehen, denn ich sah einen riesigen Haifisch, und der trug Zähne. Quer hing er über der Straße und wurde angestrahlt.

So etwas hatte ich

So etwas habe ich bisher noch nie gesehen, selbst nicht im verrückten Wrangelkiez. Es war ein Blickfang aus Zeitungspapier. Die Gestalt des Hais konnte ich sofort erkennen. seine gefürchtete Heckflosse, seine spitzen, scharfen Zähne, seine ausgebildeten Seitenflossen. Die aufgereihten Kiemen. Gern hätte ich ihn, den Künstler oder die Künstlerin ausgefragt, traute ich mich aber nicht, well ich nicht als ein dahergelaufener, neugieriger Junkie wahrgenommen werden wolle, der auch noch fliegen konnte. Ich stelle mich aber trotzdem still dazu. (…) Der Hai war in Deutschlandfarben gehüllt, die mittlere brüllte sofort los: Weltmeister! Weltmeister!“ Sogleich stimmten andere Kinder mit ein in den Chor. Dam wechselte der Haifisch wie ein Chamäleon die Farben und die russische Flagge erschien. Die Kinderschar verstummte. Dann zeigte sich die ukrainische, dann die amerikanische, die europäische Flagge. Und was war das, das müsste die schwarze Flagge des Islamischen Staates sein. Die Anwesenden erschraken, gruselten sich. Die Augen des Hais funkelten such so grün wie die Farbe des Propheten Was für ein ungeheuerliches Biest mit arabischen Schriftzeichen! Alle waren wie ich mit dem Untier beschäftigt. Ich dachte sofort an einen Kreuzberger Dschihadisten und seine Hood. (…) Und ich nahm mir ein Herz. traute mich den Künstler direkt anzusprechen. Ohne jegliche Scheu und mit eher Selbstverständlichkeit vermittelte er mir. wie er auf die Idee gekommen sei, den Hai zu illuminieren. Er erzählte mir. dass sich bei ihm im Atelier eine befreundete Künstlerin eingefunden habe. die mit einer eigens entwickelten Software experimentiere. Diese würde, so sei es angedacht, den anzustrahlenden Ausschnitt als Form auf ihren Computer übertragen, in diesem Falle den Hai. Der Künstler lächelte mich an. Es hätten auch andere Motive sein können, sagte er zu mir. Ich bemerkte, aber diesmal sei es ein Hai. Der Künstler erklärte, wenn die Gestalt des Hais von der Software verarbeitet worden Sei, könne ein Beamer ihn illuminieren. Neugierig geworden fragte ich nach, welche Zeitung er denn bevorzuge. Der Künstler antwortete mir zwanglos, den Tagesspiegel, er kleistere ihn ein. Und so entfremdet würden aus dem Tagesspiegel dann die langen Würstchen gedreht, die man von der Schule her kenne. ich war erstaunt, wollte mehr wissen. Und wie das dann so ist, hatte sich mir nach und nach erschlossen, dass die ursprünglichen Fasern des Holzes das Zeitungspapier erschufen, das wiederum half, die vielen Papierwürstchen zu erschaffen, verstanden als auch eine Art Faser verbunden mit dem Kleister, diesmal von Menschenhand geführt, eine neue Form erschaffend. Ich erlaubte mir. eines seiner anderen Kunstwerke mal anzufassen. Und es war wirklich so, die Kunstwerke, er nannte sie Papierplastiken, waren leicht und luftig. Der Künstler formte kuriose Ratten, mal die Haare garstig gesträubt, mal glatt und entsprechend schmeichlerisch. einen Quader erobernd; sah ich bereits die Tasthaare an der Schnauze sich neugierig bewegend. Dann erkannte ich den sich drehenden Fifa-Weltcup, den alles vereinnahmenden Körper des Mannes. der sich in der Galerie an der Decke ausgestreckt befand, doch der Haifisch gefiel mir derzeit am besten. Er stand in meiner Gunst sehr hoch. Der Künstler sagte, es sei ursprünglich. als ein Immobilienhai gedacht gewesen, deshalb auch die ungeheure Größe. Er meinte, das würde im Moment am besten zu diesem Viertel passen, wo die ursprüngliche Bevölkerung verdrängt werde, die neue es nicht merken würde, was sie anrichte, ihnen das auch völlig egal sei. Das Viertel wäre ja immer noch so schön bunt. Es müssten nur die bettenden Roma verschwinden, die bösen Schwarzen im Park, die vielen Touristen und Clubgänger, die Kopftuchfrauen. Ich grinste ihn an, dass ich eine Zeit auf der Cuvrybrache gewohnt hätte. Trocken bemerkte der Künstler, das sei ja jetzt vorbei, die sei geräumt. Ich nickte traurig und dachte an den Zaun, der neu errichtet, nun von einem anderen Kapitel erzählte.

Ich sah die Wüste

(…) Ich hätte schreien mögen, aber meine Stimme blieb stumm, ich besann mich wieder und fühlte die von dem Künstler ausgehende Entspanntheit, die mich veranlasste ihn als Deltamann einzuordnen. Voller Lob äußerte ich, dass er sehr schöne Kunst machen würde. Er bedankte sich für mein Lob so, wie Künstler sich bedanken. die es gewohnt sind, ihre Kunst geduldig vorzustellen. Ich sagte, dass der bürgerlich liberale Tagesspiegel im bestimmt bald sponsern würde. Es sei doch sehr sinnvoll etwas aus älteren Zeitungen zu machen und dann noch Kunst, das sei doch etwas ganz und ganz und gar Neuartiges. Der Künstler gab mir recht, dass es bisher niemanden geben würde, der aus Zeitungspapier Plastiken mache. Und dann noch so große, pflichtete ich ihm bei, und nippte an dem Bier, welches er mir unaufgefordert mitgebracht hatte. Wir unterhielten uns noch den ganzen Abend über. Rund 1000 gefühlte Touristinnen und Touristen kamen vorbei und fotografierten den Hai. Die meisten trauten sich nicht mit dem Künstler zu sprechen. Sie zeigten sich nur gegenseitig, was sie gerade im Hier und Jetzt erblickt hatten. Sie pilgerten in Scharen weiter. Der Künstler sagte, er müsse noch ein paar Würste rollen. und dann mache er die Frau, die nackte Frau, für eine Kunstausstellung in der protestantischen Taborkirche. Ich wünschte ihm viel Glück und sagte, dass er bestimmt bald entdeckt werden So wäre das doch mit den Künstlern. Der Deltamann lächelte mehr als entspannt, und ich lächelte zurück, ich hätte ihn umarmen mögen, musste aber weiter. Denn ich war schon wieder zu lange am selben Ort.

Ich sah die beiden vor

(…) Außerdem musste ich sowieso weiter und hatte andere Sorgen, kämpfte an einer anderen Front, war ich doch auf der Suche nach KUNST. Ich entfernte mich und streunte gedankenverloren umher. Auf einmal sah ich ihn, einen Maler, in Görlitzer Park. Er kam mir wie gerufen. Vorm Sehen kannte ich ihn bereits, er hatte mal auf der Brache nachgefragt, ob er dort malen dürfe. Wir hatten es ihm erlaubt. Ebenso hatte ich ihn am Flüchtlingscamp auf dem Oranienplatz gesehen. Ich hatte mich auch da nicht getraut, ihn anzusprechen. Nun stand er vor seiner Staffelei im gemeingefährlichen Görlitzer Park. Dort stand er als einziger, erkennbarer Weißer unter den vielen Schwarzen. Er unterhielt sich mit ihnen. Einer der jungen Männer
fing einen Streit an. Er beschimpfte ihn, den Maler, als Rassisten. Er war voller Hass. Er schrie: „Payl PayI You must pay!” Ich fragte mich, ein angeblich rassistischer Maler solle für sein Tun Geld bezahlen an diesen aufdringlichen Mann. Warum? Für wen hält der sich? Ein älterer Mann kam heran gerauscht, vertrat wohl eine andere Ansicht. Er beschwichtigte den etwas jüngeren, der dann maulig und mit abfälligen Bemerkungen abzog.

Der Maler konnte sein Werk

Der Maler konnte sein Werk unbedrängt fortsetzen. Seine Werke waren überwiegend
Malereien, die sich mit der Vergänglichkeit beschäftigten. Als Motive wählte er Fassaden von Häusern, die ihm auffielen; Stadtlandschaften, die sich ihm einprägten; einsame Straßen, durch die er gekommen war. Er ist so etwas wie ein Chronist, dachte ich mir. Häufig konnte ich seine Ansichtskarten, die zum Verkauf angeboten wurden, bewundern. Seine Kunst erinnerte mich an Aquarelle, doch er malte in Öl. Ich sah bei ihm den Görli im Winter. Ich war begeistert von der Kälte, die sein Bild umwehte, die allerdings das Wetter meinte, wenn der Winter einbricht und Schnee fällt, nicht ein bestimmtes Gefühl, welches in Verbindung mit diesem Land stehen würde. Oder vielleicht doch? Ich wollte mich ihm vorstellen, aber immer unterhielt er sich mit jemand anderem. Ich wolle mich nicht vordrängeln und einmischen in ein Gespräch, das sicher von größter Bedeutung war. Vom Deltamann. den ich nun in seinem Atelier häufiger aufsuchte, weil er so leckeren Kaffee Macht, erfuhr ich seinen Namen. Der Maler hieß Big Boy oder so. Der Deltamann erzählte Mir, er komme aus den USA und lebe hier in Kreuzberg, seit den 80-zigern. Ich wunderte
mich über mich selbst, weil ich den Maler nun immer häufiger auch virtuell traf. Ich fragte mich, woher das kommt, sonst habe ich ihn selten irgendwo gesehen und jetzt so häufig und er war so mitteilsam. Seine bizarren Texte und Kommentare raubten mir den letzten Nerv. Da wusste ich, ich war auf der Suche nach Kunstschaffenden und ihren widerstreitenden Gesprächen. Bei unserem nächsten Zusammentreffen brachte ich ihm einen Honig gesüßten lngwertee aus einem der türkischen Bistros mit; das erschien mir, angesichts der herbstlichen Zeit, eine verdammt gute Sache. Dankbar blickte mich Big Boy an. Ich sagte zu ihm, der Tee tue gut, er solle ruhig mal einen Schluck nehmen. Er lächelte mich lieb an und nippte am Tee. Er sagte, es sei sehr kalt und sehe knochigen Hände frören. Er legte den Pinsel zur Seite und wärmt: seine steifen Finger an dem To-go—Becher, ich verabschiedete mich von ihm und bewunderte seine Ausdauer, sich mit der Stadt auf diese Art zu beschäftigen.
(…)

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