ICH Ferienwohnung!

Bezüglich der Schwemme an Ferienwohnungen in Kreuzberg wäre eine Unterscheidung zwischen den möblierten Fremdenzimmern, die zu Tagespreisen – €90 pro Tag! – angeboten werden, den Notsituationen einzelner Mieter, und sonstigen wirtschaftlichen Situationen und Konstrukten anhand ausführlicher Untersuchungen seitens der Behörden objektiv kaum möglich. Es gibt außerdem bereits die konkrete Unterscheidung zwischen legalen und illegalen Ferienwohnungen, die sich durch Steuerunterschlagung und illegale Beschäftigte auszeichnen.

Wenn die Miete aus irgendwelchen Gründen nicht mehr zu leisten war, wurde seit eh und je ein Untermieter rein genommen. Außerdem sind „die Menschen heute viel mobiler“. In Wohngemeinschaften hat man sich „international“ ausgetauscht, wo meistens jede/r gleichberechtigte WG-BewohnerIn einen Anteil an Miete und Nebenkosten, inkl. TAZ-Abo, geleistet hat. Die Menschen sind eben „näher zusammengerückt“. Dazu war öfters Besuch in der WG von Menschen – auch von Studenten, die mal für kurze oder längere Zeit einen authentischen Berliner Kiez kennen lernen wollten. Wenn es für die WG nicht überlebenswichtig war und der Aufenthalt von kurzer Dauer war, dann auch mal ohne Rechnung. Die WGs und das Untermieten haben sich schon jahrzehntelang bewährt, alles authentisch, international, lebensnah, alles ohne AirBnB und sonstige modische Geschäftsideen.

Man könnte eine Wohnung in der Wrangelstraße 77 kaufen, und dann diese als Ganzes oder zum Teil als Ferienwohnung an internationale Gäste vermieten, und damit den Wohnungskauf mitfinanzieren. Und wenn der Wohnungsbesitzer schon viele Jahrzehnte im Kiez sesshaft wäre, wäre er der ideale Tipp-Geber. Authentischer geht’s kaum. Oder ist das – wie in den vielen anderen Variationen – einfach ein schnödes Geschäft?

Was „sehr deutsch“ an einem „starren Wohnsitzdenken“ sein sollte, ist nicht verständlich. (Wie ist es in anderen Ländern?) Viele behalten ihre Wohnungen, weil der Umzug innerhalb der gleichen Nachbarschaft meistens eine wesentlich höhere Miete bedeutet.

Dass kleine Hotels und Pensionen pauschal nur eine „anonyme“ Atmosphäre anbieten, dem widerspricht die Erfahrung. Ich habe in solchen Herbergen übernachtet, an Orten, wo ich beispielsweise in der nächsten Trattoria oder Lokal authentische Menschen kennen lernte und sogar über deren Sicht der Dinge erfuhr.

Völlig unabhängig von selbst dienenden Erklärungen, Beschwichtigungen und Imagepflege, hat das alles gleichermaßen eine Wirkung auf Wohnpreise, den Wohnungsbestand und die Lebensqualität in einer Nachbarschaft. Für die Anwohner und andere Mieter können direkt vor Ort eine oder mehrere Ferienwohnungen sehr unschön sein. Sensibel sind die Ferienwohnungbetreiber nicht; Hausbewohner werden eher nicht gefragt. Viele Hunderte solcher Ferienwohnungen in einer Nachbarschaft, zusammen mit der massiven Privatisierung und Kommerzialisierung öffentlicher Flächen führt dazu, dass sich Bewohner und Nachbarn eingeengt fühlen und unter Druck gesetzt werden. Insbesondere im Wrangelkiez werden Touristenmassen von einem aufgepeitschten Lokalimage, Party und Drogen angezogen. Sogar vom Bezirksamt wird manchem Kritiker solcher Entwicklungen bloß der Form halber „aufzeigt“, dass dieser den Mietvertrag kündigen und wegziehen könnte. Neben den eher nicht höflichen Methoden seitens eines Vermieters, gibt es auch die „höflichen“ Arten der Verdrängung seitens des Bezirks.

William Wires, 3. Oktober 2015

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