Existenzen

Existenzen

„Existenzen“ 2013 oil painting 50/40 cm

Ich bin kein Autofreund, habe aber ein Führerschein. Ich halte es mir aber damit vor, unter existenzsichernden Umständen, mir ein Auto zu benutzen. Seit ungefähr vier Jahrzehnten reicht mir ein Fahrrad, aus praktischen Gründen, ohne Ideologe oder Moralzwang. Mich wundert es, wie manche meiner Mitmenschen das Autobesitz als Priorität gegenüber der eigenen Familie einstufen, nach dem Motto: die beste Öl fürs Auto und das Billigste auf dem Esstisch für die Kinder. Das Auto repräsentiert einen missverstandenen Freiheitsbegriff und dient auch als Verlängerung des eigenen Egos.

Während ich das Bild von zwei von vier ausgebrannten alten Autos in der Görlitzer Straße gemalt habe, kam ich ins Gespräch mit zwei der unglücklichen Autobesitzer. Beide sagten mir, den Schaden wird von der Versicherung nicht gedeckt. Beide bräuchten die Autos für ihre existenzsichernden Arbeit.

Und nun, wie es dazu gekommen war, dass einer oder mehrere Täter ausgerechnet diese Autos mit Feuer angesteckt haben, ist nicht ganz klar. Der im Internet veröffentlichte Bekennerbrief ist in seinen Authentizität umstritten: der Akt sollte eine Strafe gegen das rassistische Mob im Kiez sein, die gegen die afrikanische Drogendealer im Görlitzer Park aufhetzen. Ob alle Kiezbewohner – speziell die autobesitzende – damit eine Lektion in Sache Rassismus erteilt werden sollten oder die Aktion gegen spezifischen Menschen gewollt war, ist nicht erkennbar. Auf jedem Fall wurde nach selbst definierten Strafgesetzen gehandelt, abgesehen davon, ob alle staatlichen Gesetze gut sind. Eine anonyme Bürgerwehr zeigt eine höchst unsoziale Form der politischen Anarchie aus.
Im Bezug auf den afrikanischen Drogendealer ist die Rassismusdebatte ein Heikles. Wie alle Menschen, haben Asylbewerber ein Bedürfnis nach Existenzsicherung und bemühen sich um bezahlte Arbeit. Leider dürfen sie nach Bundesgesetze keine Jobs annehmen und stehen sogar unter Residenzpflicht. In einer sozialen Demokratie ist da Handlungsbedarf.

Da ich als Freiluftmaler agiere, habe ich ab und zu Kontakt mit den Schwarzafrikanern, die im Park aufhalten. Obwohl ich weit von einer Gesamteinschätzung deren Situationen entfernt bin, erkannte ich recht unterschiedliche Schicksale. Manche Afrikaner unterhalten sich einfach mit ihren Landsleuten oder bringen was zu essen mit. Rassismus ist allerdings eine hässliche gesellschaftliche Erscheinung, die zu bekämpfen ist.

Als Bürger und Bewohner sehe ich die aufwendige polizeilichen Razzien als Steuerverschwendung an, abgesehen davon, dass dieser Aktionismus, die politische Aufspaltung der Gesellschaft fordert und bedient. Angeblich steht ein rassistischer Mob, der den Staat auf dem Plan ruft gegenüber Schwarzafrikaner, die „allesamt“ illegale Drogen verkaufen. Spekulativ wäre es zu fragen, was wäre, wenn es eine andere („weiße“) Bevölkerungsgruppe, die Drogen im Park anbieten würden? Was ist die Motivation der unsichtbaren Drogenbosse, dass sie bevorzugt Schwarzafrikaner (die nicht alle Asylbewerber in Berlin ausmachen) im Park platzieren und missbrauchen? Und noch: unabhängig der Legalität, die Einnahmen sind auf jedem Fall steuerbar. Meine Vermutung ist: die Bosse entziehen sich die Steuerveranlagung und damit jeglicher sozialen Verantwortung gegenüber deren nach „Rasse“ ausgewählten Mitarbeiter und auch gegenüber den sozialen Staat. Als Deutschen sind wir alle offensichtlich bemüht, dass Steuerhinterzieher verfolgt werden und Schwarzgeldkonten mit Namen genannt werden, nicht wahr?

Der Kundschaft sind scheinbar der Arbeitsbedingungen und Lohn der afrikanischen Dealer ziemlich egal. Das ist so ähnlich der Haltung einer Konsumgesellschaft, die möglichst billig Kleidung bei Läden wie „Kik“ einkauft.

Für die Drogenbosse: „Teilen macht Spaß: Millionär-Steuer!“

Für die Dealer: „Genug gelabert! 10 Euro Mindest-Lohn jetzt.“

Art Kreuzberg
William Wires, 14. August 2013

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