Die Privatisierung öffentlichen Raums: Aneignung und Ausgrenzung (2)

ICH, 23. Sept. 2015

ICH, 23. Sept. 2015

Ein befreundeter Journalist erzählte mir neulich, dass es mit dem öffentlichen Raum inzwischen so schlecht bestellt ist, dass Parkbanken bald mit Dornen versehen werden, die man nur mit Münzen herunterfahren lassen kann.

Meine Facebook-Page heißt „William Wires Fine Art“, weil 1. ich verstecke mich nicht hinter einem Pseudonym, 2. ich beanspruche nur das was ich selber geschaffen habe. Ein Titel wie „Kunst im Wrangelkiez“ wäre anmaßend. Es stimmt, dass ich als Vor-Ort-Maler viel in meiner Nachbarschaft geschafft habe, aber das berechtigt mich bei Weitem nicht, mich gegenüber allen anderen Künstlern mit einem dicken ICH hervorzuheben. Und dann bei Bedarf unliebsame Kritiker oder „Konkurrenten“ auszuschließen. Ich fühle mich auch nicht berufen, andere Künstler vor Kritik schützen zu müssen.

Warum schreibe ich das? In der Vergangenheit wurde ein paar Mal versucht, mir meine Arbeit im öffentlichen Raum zu verbieten oder zu verhindern. „Das ist mein Haus“ und „das ist mein Laden“ hebt die Panoramafreiheit – und meine Urheberrechte – nicht auf.

Nun schränkt mich die vom Bezirksamt forcierte Bestuhlung des öffentlichen Raumes mein Wirkungsfeld noch ein. Auch die private Videoüberwachung stellt eine Einschränkung dar. Gegen die Bestuhlung und die Überwachung habe ich nur mäßige Erfolge erzielt. Ich werde nicht aufgeben.

Es geht weiter: inzwischen, und worüber ich schon mal geschrieben habe, werden Orte bei Facebook privatisiert. In meiner Nachbarschaft gibt’s eine Facebook Seite „Ich Wrangelkiez“, die zwar als „public group“ eingestuft wird, aber von einer Person (unter einem dafür geschaffenen Pseudonym) nach eigenem Ermessen privat geführt und beherrscht wird. Nach dem Motto: „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Alle anderen müssen mir nach der Pfeife tanzen.“ Cybersquatting eben. Das merkwürdige „Ich“ sagt viel aus über die Grundeinstellung des Administrators. Wenn das „Ich“ nicht so wichtig wäre, dann warum überhaupt ausgerechnet dieser Präfix? Das Perfide ist: diese Person beschränkt sich nicht auf die eigenen Errungenschaften oder Leistungen – die übrigens gar nicht zur Debatte stehen – sondern dehnt sich auf die ganze Nachbarschaft aus, die von dieser Person freilich nicht geschaffen wurde. Per default, werden alle Bewohner pauschal als schutzbedürftige Kinder heruntergestuft.

Man könnte vermuten hier gäbe es Reibereien, Meinungsdifferenzen, Aufregungen, usw. hinter den Kulissen, ob real oder virtuell. Aber solche Fragen sind Nebelkerzen und führen zu Ablenkungen und geistigen Verrenkungen. Ist mir die eine Facebook-Seite wichtig? Nein. Ist mir die Fassade in der so-und-so Straße wichtig? Nein. Whoah! Dann ist bald der Stock gänzlich weggschnitzt!

Es geht schlicht und einfach um den öffentlichen Raum, der zusehens und mit wenig Widerstand verschwindet.

Wie viel kostet es inzwischen bei „Ich Wrangelkiez“ die Dornen herunterfahren zu lassen, um einen Kommentar zu posten?

William Wires
10. Juli 2015

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3 Antworten zu Die Privatisierung öffentlichen Raums: Aneignung und Ausgrenzung (2)

  1. Pingback: Verfilzungen und Verkwulzungen* | What nerve | William Wires

  2. Sahas Rara schreibt:

    Vielen Dank für Deine Beiträge – ich empfinde den Umgang genauso. Das ist im Prinzip nichts anderes als Xenophobie. Als wir vor einem Jahr hier her gezogen sind, wollte ich mich auch an der Diskussion beteiligen und mal andere Sichtweisen einbringen, um für einen offeneren Umgang mit Zugezogenen zu werben. Unser Haus gehört zu den verteufelten „Gentrifizierungsprojekten“ und ist als schwarzer Punkt auf der Karte der Verdrängung gebrandmarkt. Entsprechend häufig sind wir Opfer von Attacken. Ich wollte den Mitgliedern der Gruppe mitteilen, dass man genauer hinschauen sollte, wer da überhaupt wohnt – nämlich keine ominösen Multimillionäre oder sonstige Luxus-Gestalten, sondern Menschen, die im Kiez leben und arbeiten (einige schon seit langer Zeit), ihren Beitrag zur Gesellschaft leisten, sich einbringen – und sich einfach auf eine Wohnung freuen, die (endlich) ein ordentliches Bad und funktionierende Heizung hat und wärmegedämmt ist. Etwas, was eigentlich allen zustehen sollte. Nach zwei, drei Posts bin ich wieder raus. Ich habe die Administration und die Reaktion von bestimmten Mitgliedern als despotisch empfunden – nach dem Motto: don’t rain on MY parade and shut up. Das war ungefähr zur Zeit, als Du diesen Artikel geschrieben hast.

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