Die Privatisierung öffentlichen Raums: Aneignung und Ausgrenzung (1)

Facebook ist die weltweit meist genutzte Social-Plattform, auf der jeder sein eigenes persönliches Profil im Internet einrichten und damit am öffentlichen Diskurs teilnehmen kann. Jeder kann die Privatheitstufe selbst regulieren. Jeder, der in die Friends-Liste eines anderen Teilnehmers aufgenommen werden möchte, muss sich zuerst anmelden und vom Profileigner akzeptiert werden. Es kann auch passieren, dass „Friends“ von der Liste gestrichen werden; eine Begründung muss der Profileigner nicht liefern. Jeder ist der Türsteher vor der eigenen virtuellen Disko.

Neben den privaten Einzelprofilen gibt es die geschlossenen und offenen Seiten. Diese Facebook Seiten haben Administratoren, die mehr oder minder kontrollieren, was die Mitglieder so schreiben, bzw. wer überhaupt teilnehmen darf. Wenn es sich dabei um private oder eng definierte Interessen- oder Hobbygruppen (innere Öffentlichkeit) handelt,die mit entsprechenden Namen betitelt wurden, dann sind die Rahmenbedingungen der Teilnahme relativ klar. Die Sache wird problematisch, wenn es um allgemeine öffentliche Bereiche (äußere Öffentlichkeit), wie z.B. Nachbarschaften, geht. Da geht’s oft heftiger und bunter zu und kann je nach Einstellung des Administrators beliebig werden.

Diese Machtausübung auf dem öffentlichen Parkett steigert sich ins Willkürliche, wenn keine klaren allgemeinen Nutzungsregeln aufgestellt werden. Wenn der Administrator den einen oder die andere aus dem nunmehr privatisierten öffentlichen Raum (participatory exclusion) aussperrt, dann werden die Meinungen und Empfindungen von anderen Teilnehmern vorweggenommen; die Mitglieder werden zu unmündigen Statisten degradiert. Der Gesperrte kann sich kaum bis gar nicht gegen die „Erklärungen“und „Begründungen“ eines Administrators oder sonstige Personen wehren. Das Öffentliche wird privatisiert.

Diese Privatisierung im Netz- um die Sache bildlich zu machen – spiegelt sich auch im realen öffentlichen Raum wider. Für manchen Ladeninhaber reicht es nicht, die eigenen privaten Innenräume zu überwachen, sondern es wird auch der öffentliche Raum vor dem Laden mit Videokameras bewacht und kontrolliert. Cafes und Restaurants nehmen öffentliche Flächen Meter für Meter mit ihrer ausufernden Bestuhlung im Außenbereich in Beschlag (spatial exclusion).

Wer, als selbsternannter Kontrolleur, ausgeschlossene Anwohner mit dem eigennützigen Vorschlag tröstet, dass sie doch die Möglichkeit hätten, eine eigene Nachbarschaftsseite aufzumachen, hat nicht begriffen, dass sich eine Nachbarschaft mit ihrem öffentlichen Raum, real und digital, als eine Zusammenfassung aller Bewohner mit deren Einstellungen und Interessen bildet und definiert. Wenn sich z.B. ein Gastronom – mit wohlwollendem Blick auf das eigene Restaurant – eine Facebook-Seite mit einer evtl. einmaligen Stadtteilbezeichnung, bzw. mit einem übergeordneten Begriff aneignet, kann man sich vorstellen, welche Meinungen nicht geduldet werden. In einem offenen Forum werden Differenzen und Meinungen geäußert und debattiert; empfundenen Grenzüberschreitungen werden von erwachsenen Teilnehmern entweder mit Argumenten oder juristischen Mitteln begegnet; oder sie werden einfach ignoriert. In solchen Fällen trieft eine Parteinahme eines Administrators von Überheblichkeit und Eigennutz; gerade die Expropriation eines öffentlichen Bereiches ist definitiv anmaßend.

Defend public space against privatization and commercialization!

7. Feb 2015, William Wires

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