Die Halbwertszeit von Symbolen

Dass ein pittoresker Gemüseladen in der Wrangelstraße ein Symbol wurde, spiegelt nur die halbe Wahrheit. Abgesehen von berechtigter Kritik am Aufwertungsdruck seitens des Bezirks und die damit einhergehenden Mieterhöhungen von privaten Hausbesitzern, symbolisiert der Laden für manchen lokalen Aktivisten auch eine heile Vorzeit ohne Bio-Filiale und veganem Kuchen. Ein wehrhaftes Museumsdorf, wo Immigranten als Statisten lächelnd ihre Waren anbieten, wo Aufbackstuben sich als „Bäcker“ verkleiden, und betagte Ladeninhaber, die – bitteschön – ihre verstaubten Läden über das Rentenalter hinaus bis zum letzten Atemzug betreiben sollen. Irgendwann wird’s aber Halloween im Milieu geschützten Kiez, wenn Zombies TTIP-gezüchtete Hähnchenteile direkt aus Petrischalen anbieten. Antanzende Vampire mit messerscharfen Zähnen werden von Privaten videoüberwacht …nach ACAB Regeln, versteht sich.

Die schaurige Zeit im Wrangelkiez fing schon früher an, als die Stadtverwaltung Berlin als Touri-Metropole umzugestalten dachte: vom Be.Berlin zum Bizim Kiez wird auf Bezirksebene fleißig am Aufbau einer Bühne gebastelt, der kein Investor oder Spekulant widerstehen kann. Locals – „Musiker/innen, Schriftsteller/innen, Stadtsoziolog/innen, Filmschaffende und viele weitere Kreative“ – dürfen vor einem internationalen Publikum ihre Talente performen. Berlin, vom missverstandenen „I am a jelly donut“ zum perfiden „Je suis ein Vegetable“, bietet sich als „poor but sexy-hexy“ an. Allein in der Umgebung der Falckensteinstraße findet man auf einer künstlich aufgeregten Kiezkarte bereits 90 Ferienwohnungen mit Fähnchen markiert. Mitbewohner und WGs sind out, internationale Eurozahlende sind in, aber bitte, nicht so lange bleiben, die nächsten Easyjetter warten mit ihren Rollkoffern schon vor der Tür. Der lärmgeplagte Nachbar – ein Party-Pooper – kriegt einen Jelly Donut ins Maul gestopft.

Um die Bühne so groß wie möglich auszubauen, werden öffentliche Flächen, die ursprünglich aus der Verkehrsberuhigung für die Bewohner entstanden waren, nun für einen lokalen Aufschwung in Schankgärten umgewidmet, mit Hausrecht („stay and pay“ oder GTFO) ausgestattet und entsprechend privatwirtschaftlich verwertet. Das wird auf Touri-Postern und Postkarten mit dem Spruch „Das ist unsere Straße“ gefeiert; übersetzt, bedeutet das „twisting the knife”. Großzügige Vergabe von Sonderflächenerlaubnisse an Gaststätten seitens des Bezirksamtes forciert die Vertreibung von Läden des täglichen Bedarfs, deren Räumlichkeiten mit meist crappy Abfütterungsorte für Touristen und Spätis für Party-People ausgefüllt werden. Aktivisten sind sogar stolz drauf, einen der unzähligen Spätis, die sich dicht an dicht im Kiez ausbreiten, vor einem feindlichen Rausschmiss „gerettet“ zu haben. Vielen Dank! In den letzten 12 Monaten hat das Ordnungsamt vier neuen Läden im Wrangelkiez Außenflächen für Bierbänke versprochen; überraschenderweise entstanden vier neue Gaststätten. Wie solche Umwandlungen mit einem angestrebten Gewerbemietspiegel abgestimmt werden sollen, bleibt ein Rätsel. Hey! ein „angebotsarmen Gebiet“ wird nun „zu einem lebendigen Kiez“ (Bezirksstadtrat Panhoff) gemacht!

Der Artikel „Unser Kreuzberg“ in der Ausgabe Nr. 377 vom „Mieter Echo“, dessen Autorin eine Bestandsaufnahme ohne viele der wesentlichen Akteure konstruiert und schließlich in ein pathetisches Stelldichein verfällt, wiederholt zum xten Mal, was seit einem halben Jahr bereits mehrmals in der nicht so investigativen Presse zu lesen ist. Dabei wird aber unterstrichen, dass die auslösende Hysterie um den Gemüseladen nur ein aufgepuschtes „Symbol“ sei. Anscheinend ging das gedachte Szenario doch nicht auf. Der jetzige Betreiber kann nur auf eine ortsübliche Ablösesumme hoffen, sowie sie den Mietern in den Wohnungen versprochen wurden: der Stand ist jetzt bei €30,000 pro Wohnung. Der Nachfolger wird sicherlich vom Bezirk mit einem ordentlich großen Stück öffentlicher Fläche belohnt. Mit Glück ist der Gewerbemietpreisspiegel schon da damit der Gewinn noch größer wird.

Praktisch nie zur Sprache kommen die älteren Nachbarn, die durch Partylärm verdrängt werden, und endlich ihre „viel zu billigen“ Wohnungen aufgeben; die Gewerbetreibenden, die kurz vor Geschäftsaufgabe „viel“ investieren, um saftige Abstandszahlungen einzukassieren, die rassistischen Drogenbosse im Görlitzer Park, die unversteuerte Gewinne „menschenverachtend“ für sich behalten. (Roberto Saviano, wo bist du?) All diese Akteure werden ausgeklammert. Vielleicht werden sie für „Comic Relief“ aufgehoben.

Es gibt auch manche Bizim Kiez Unterstützer*in, der/die sich selber eine private Eigentumswohnung in aller Ruhe direkt im Kiez gönnt, aber lautstark gegen Umwandlungen mitkämpft. Konfliktfrei berichten sie „von ihren eigenen Erfahrungen mit Investoren“. (Wie viele davon sind Mitglied in einem Mieterverein?) Aber die lokalen genossenschaftlichen Hausbesitzervereine, die Häuser von Privaten gekauft haben, scheuen sich ihr Know-How öffentlich preiszugeben. Der ein Jahr alte WrangelkiezRat tritt kaum öffentlich in Erscheinung; keiner außerhalb des eingeschworenen Vereins weiß, was z.B. deren aufwendige Kiezkartierung bewirken soll, oder überhaupt. Ansonsten meckern Vorstandsmitglieder öffentlich – rein privat, versteht sich – zu wichtigen Themen wie die horrenden Kugeleispreise im Kiez. Immerhin wurde hier – im Gegensatz zu Bizim Kiez – erkannt, dass „Touri-Preise“ irgendwie mit der „Teuerifizierung“ zusammenhängt. Ich bin gespannt, wie und ob der Vorstand zu inhaltsvollen Themen wie Teilhabe, Mitspracherecht und Ausgrenzung von Kiezbewohnern irgendwann Stellung bezieht. Und wer sonst diskreditiert und dann kleinlaut nach Sponsoringgeld angebaggert wird.

Warum sich im „gentrifizierten“ Viertel entrepreneurialer Einzelhandel über fehlende Kaufkraft beschwert und dass bei den vielen Wohlhabenden, die angeblich in Massen in dieses bunte Wunderland einziehen, wo weit und breit kaum edle Einkaufsläden oder teuere Boutiquen aufzutreffen sind, bleibt für den Zuschauer ein Mysterium. „Genug Luxus hier!“ kann nur ironisch gemeint sein.

William Wires, Halloween 2015

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