Das Gespenst der Gentrifizierung im Wrangelkiez

Vor ungefähr einem Monat wurde bekannt, dass der Gewerbemietvertrag eines alt eingesessenen Gemüseladens im dörflichen Wrangelkiez, vom neuen Hausbesitzer nicht verlängert wird. Die Gerüchteküche brodelt, aber die entscheidene Tatsache bleibt: „Bizim Bakkal“ in der Wrangelstraße soll bis Ende September das komplette Erdgeschoss räumen.

Das Verschwinden des Ladens mit dem freundlichen Inhaber und seiner Familie wollen Stammkunden und auch Nachbarn nicht hinnehmen und erklären sich solidarisch. Bald wurde der Ladenname auf den Solidaritätsruf „Bizim Kiez“ übertragen; das türkische Wort „bizim“ (unser) bezieht sich nun auf die ganze Nachbarschaft. Der Laden selbst (bakkal) dient nun als Kulisse für wöchentliche Protesttreffen; Jeder kann seinem Anliegen ein „bizim“ vorsetzen, oder wenn man besonders dreist ist, ein „Je suis…“

Schauplätze

Mit dem Mauerfall vor 25 Jahren rückt der Berliner Wrangelkiez urplötzlich ins Berliner Zentrum. Mit der Eröffnung der Oberbaumbrücke und der Schlesischen Straße ist der alte SO36 nicht länger eine von der Berliner Mauer umgebene Sackgasse. Eine Kettenreaktion löste sich aus: Klubs, Restaurants und vieles mehr springen für die Berliner und für die Besucher der Stadt überall auf.

Es gibt aber auch die ersten Versuche diese Entwicklung in den Griff zu bekommen, irgendwie mitzubestimmen. Öffentliche Flächen sollen vor der Privatisierung gerettet werden: „Spreeufer für Alle“ will einen baulichen Abstand zum Flussufer, aber manche Uferabschnitte werden von Strandbars in Beschlag genommen, Zäune und Zutrittsschleusen eingerichtet und mitgebrachte Getränke konfisziert; es wird über das Forschungsprojekt „BMW Guggenheim-Lab“ diskutiert, wofür die Nachbarschaft als Kulisse dienen soll; es wird um die Cuvrybrache spekuliert, auch politisch, bis der Berliner Senat die Planungshoheit übernimmt.

Wrangelkiez ist irgendwie „in“, aber keiner weiß genau warum, abgesehen von ein wenig SO36 Mythos, das sich historisch eher in der Gegend Oranienstrasse und in anderen Berliner Nachbarschaften abspielte.

Historisches

Im Wrangelkiez wohnen schon seit den späten 1970er Jahren „Künstler und Studenten“. Es war schließlich ihr Verdienst, dass durch die Hausbesetzungen viele Altbauviertel in die heutigen Tage gerettet werden konnten. In den 1980ern, wurden im Rahmen der Internationalen Bauausstellung (IBA) einige wenige soziale Bauprojekte im Wrangelkiez verwirklicht, in der Hoffnung, dass Leute bleiben würden. Viele langjährige Bewohner ziehen trotzdem weg. Berliner „Eckkneipen“, beispielsweise auch Einzelhändler wie der Eierladen und der verpackungsfreie Gemüseladen in der Wrangelstraße, schließen. Nach dem Mauerfall ist so viel Leerstand und Desinteresse, dass mancherorts Zwischennutzungen von Gewerbeflächen für Kunstprojekte genutzt werden. Vom prominentesten Neubau aus der IBA-Zeit wird man am Kiezeingang mit den Worten „Bonjour Tristesse“ begrüßt.

Vor der Wende gab’s ein paar Bioläden. Nach der Wende kam ein Biobäcker dazu, der diese spezielle Klientel auch bedient. Eine Kiezbäckerei, schon in der zweiten Generation, bedient primär noch den Alteingesessenen.

Es kam kurz darauf ein Ansturm von selbsternannten „Bäckern“, die Industrie-Produkte in kleinen Backöfen in ihren Cafés wieder zum Leben erwecken, und nun wird die gleiche „Qualität“ auch in den benachbarten Lebensmittelketten für noch tieferen Preisen angeboten. Einer Filiale des großen Unternehmens „Penny“, folgte nach langem Leerstand eine wesentlich kleinere stadtweite Lebensmittelkette, geführt von einem Erstgenerationseinwanderer aus der Türkei. Es scheinen sich manche Nostalgiker die verstaubte Filiale zurück zu wünschen.

An der Ecke Falckensteinstraße/ Schlesische Straße verschwanden auf einmal vier Einzelhändler, hat aber vergleichsweise wenig Interesse in der Nachbarschaft geweckt. Das internationale Investorkonsortium möchte bitteschön € 45 pro Quadratmeter netto. Statt sich für die jungen Einzelhändler zu engagieren, wurde auf das Schicksal einer über 70-jährigen Frau, die ebenfalls ihre Räumlichkeiten räumen sollte, hingewiesen. Ihre Reinigung muss sie für noch viele Jahre weiterführen, da sie neulich eine sehr große Investition in Gerätschaften für ihre Chemische Reinigung getätigt hätte.

Touristen sollen den Kiez retten

Nach der Ebbe an Interesse, schwappte neulich ein Tsunami von Neueröffnungen über den Wrangelkiez, der fast alle Läden des täglichen Bedarfs weggespült hat. Es breiten sich überwiegend Billigrestaurants, unzählige Spätis und noch mehr Cafés aus; all diese bedienen primär den großen Andrang der Touristen und Clubbesucher.

Die neuen Gaststätten benötigen große „Sonderflächen“, die vom Bezirk großzügig für kleine Mieten verscherbelt werden. Ganze Straßenzüge werden durch Tische und Stühle eingeengt. Nicht nur werden diese wenigen öffentlichen Freiflächen weggeschnappt und von rücksichtslosen Profiteuren besetzt, sondern Vermieter können entsprechend höhere Gewerbemieten verlangen. Es wird bevorzugt an Gaststätten vermietet; die maximale Ausnutzung von öffentlichen Flächen wird gewinnbringend in höheren Mieten einkalkuliert. Das Image des Kiezes wird damit nachhaltig und mithilfe der lokalen Politik gnadenlos zugunsten des Tourismus umgestaltet. Zwischen dem neuen Image als touristischer Hotspot und dem wieder zum Leben gepeitschten Kreuzberg-Mythos wird der Kiez zerdrückt. Der Görlitzer Park, ein Naturschutzgebiet für Müll-fressende Krähen und freilaufende Köter, in internationalen Reiseführern hochgepuscht als bewusstseinserweiterndes Kiffer-Paradies, wird zur kapitalistischen Freihandelszone, inklusive Steuerhinterziehung und Geldwäsche. Beim winterlichen Zurückschneiden des Gebüsches war die Reaktion mancher Kiezbewohner so als ob an deren wertesten Stücken geschnippelt würde. Mit einem legalen „Coffee Shop“ könnten der Staat und Investoren eine Menge Geld verdienen; die Provinzpolitiker bemühen sich darum.

Der Kiez mit besonderem Flair

„Der typische Prozess lässt sich – vereinfacht – so beschreiben: Zunächst stehen in den betroffenen Stadtteilen, in denen hauptsächlich Menschen mit niedrigem Einkommen leben, Wohnungen oder alte Fabrikhallen leer. Dorthin ziehen Künstler und Studenten, weil die Mieten billig sind und der Stadtteil viel Raum für Kreativität und zum Experimentieren lässt. Es entstehen Kneipen und Cafés, Galerien und kleine Läden. In der Forschung heißen die ersten Zuzügler „Pioniere“. Sie machen den Stadtteil mit ihrer Arbeit interessant und attraktiv für Menschen mit höherem Einkommen, die ersten „Gentrifier“. Die sind bereit, höhere Mieten zu zahlen, einige von ihnen kaufen auch die alten Wohnungen zu Spottpreisen und renovieren sie.“ (Süddeutsche Zeitung, 22. Juni 2015)

Immobilienfirmen und Hausverwaltungen investieren in die Nachbarschaft, indem sie die Häuser von Alteigentümern abkaufen, ein wenig renovieren und dann oft an Zugezogene vermieten, die bereit sind, bundesdeutsche Durchschnittsmieten zu zahlen. Dass man sich im östlichen „SO36“ vorgestellt hat, die Mieten würden über die Jahrzehnte gleich tief bleiben, stellt sich als reichlich naiv heraus. Luxuswohnungen gibt’s hier trotzdem kaum. Zur Klärung: „Der Austausch eines PVC-Bodens gegen Laminat ist nach Ansicht des Amtsgerichts München jedoch „unzweifelhaft keine Luxussanierung“ (Az. 474 C 31317/09).“ Nicht zu unterschätzen sind manche gewieften Wohnungseigentümer und -mieter, die einen gewissen Profit aus der lokalen Aufwertung erzielen, sprich Ferienwohnungen und noch erfinderischeren Querfinanzierungen auf Staatskosten.

Die „Reichen“

Abgesehen von den paar unsichtbaren Carloft Pionieren, die auf der anderen Seite des intensiv genutzten Parks residieren, und den sporadischen Eigentumswohnungsbesitzern, sucht man vergeblich nach dem reichen wohnhaften Gentrifizierer. Eine Infrastruktur für solche Gutbetuchten fehlt weitgehend im Wrangelkiez.

Es gibt doch inzwischen kulinarische Highlights im mittleren Preissegment, die aber eher die Ausnahme darstellen, ansonsten gibt’s reichlich – in jeder Hinsicht – billige Abfütterungsorte. Diese scheinen miteinander zu konkurrieren, gehören aber den gleichen wenigen Betreibern. Im Einzelnen bleiben sie merkwürdigerweise aus der Schusslinie der Kritik. Man ist einfachheitshalber besorgt, ob ein Biobäcker einen Gehaltszuschuss zur Sonntagsarbeit gewährleistet. Diffuse Ängste arten periodisch dermaßen in Skurrilitäten aus, z.B. wurde auf Facebook gepostet, Kaiser’s würde nur Menschen, die „deutsch“ aussehen, Zutritt gewähren. Dazu sagt der alte Ami: „You can’t think that shit up.“

Die paar professionell geführten Galerien, die kurz hier waren, sind inzwischen weiter gezogen. Bei der „Open Air Gallery“ auf der Oberbaumbrücke findet man mit großer Mühe den einen oder anderen „lokalen“ Künstler, bzw. Künstlerin aus dem Kiez. Tage der offenen Ateliers, wie z.B. Art Kreuzberg, machen einen Bogen um den Wrangelkiez. Wandmalereien werden von Immobilienfirmen gesponsert, ansonsten gibt’s viel Graffiti, das auf Photo-Postkarten und in Photoalbenbüchern vermarktet wird. Hier entdeckt man keine Edelboutiquen, abgesehen von ein paar Turnschuhläden, Zweite Hand Kleidungsläden, nichts Teures und nicht Schlechtes. Für Kenner gibt’s doch gute Platten- und Weinläden. Also, es ist nicht alles verloren!

Ein in der Nähe situierter McDonald’s sorgte kurz für Aufregung, aber intensiv besucht wird ein Hähnchenverkäufer der allerniedrigsten Qualitätsstufe von „unterschiedlichsten Menschen vom Schauspieler über Taxifahrer, Polizisten bis hin zum Punk“; im Hintergrund lauert hier ein schwergewichtiges Unternehmen, das weltweit Unwohl stiftet und die Umwelt vergiftet.

In der nah gelegenen Markthalle leben viele der Händler anscheinend nur von Idealismus. Trotz vermeintlich „hoher“ Preise für nachhaltige und faire Produkte, könnten sich viele Händler eine Wohnung im Wrangelkiez kaum leisten. Die Enttäuschungen vieler Einzelhändler und Freiberufler im Wrangelkiez sind kaum zu überhören. Die Reichen bleiben lieber in ihren Villen im Grunewald. Berlin ist eben viel größer als der Wrangelkiez.

Trittbrettfahrer

„Wir bitten Sie hiermit, die Kündigung nochmals zu überdenken und einen Beitrag für den Erhalt alter Strukturen im Wrangelkiez zu leisten. Gern stehen wir auch für ein Vermittlungsgespräch zur Verfügung, um eine Lösung zu finden,“ schreiben Politiker in einem offenen Brief öffentlichkeitswirksam an den neuen Eigentümer des Hauses, in dem sich der gekündigte Gemüseladen befindet.

Die Aufmerksamkeit auf diesen einen Hausbesitzer „mit griechischen Familiennamen“ wurde freilich von diesen Politikern nicht initiiert. Sie sind wahrlich Trittbrettfahrer. Wenn deren Intention edel sein sollte, dann dürften manche Bewohner zukünftig befürchten, an deren „Beitrag für den Erhalt alter Strukturen“ erinnert zu werden. Sonst wäre dieses „Engagement“ reiner Populismus. Ein Kioskbetreiber in der Wiener Straße, dessen Gewerbemietvertrag auch bald ausläuft, hat sich bereits öffentlich gemeldet. Die Solidarität an dieser Stelle scheint schwach zu sein, eventuell wegen des Konfliktpotentials: wie viele Spätis verträgt ein Kiez?

Ein „Wir“ tritt erst dann sporadisch auf, wenn akut empfundene Änderungen an einem nicht näher definierten Konzept des Freiluftmuseums drohen. Dann streiten sich die Akteure, gerne über z.B. den Sinn des Görlitzer Parks. PolitikerInnen mit ernster Miene und verschränkten Armen schauen bei öffentlichen Diskussionsrunden gern zu, wenn politische Gegner niedergebrüllt werden. Autos der weniger betuchten Bewohner werden abgefackelt, die Reichen parken ihre Edelkarossen in bewachten Garagen am anderen Ende der Stadt. Nachhaltige und lokale Produkte im Einzelhandel werden als elitär verpönt, Billigschrott wird bevorzugt, sogar beim Business Lunch Angebot kann die Qualität nicht zu minderwertig sein.

Aus der Geschichte lernen

In der Süddeutschen Zeitung (vom 22. Juni, 2015) wird gefragt, wie die Mietsteigerungen gebremst werden können? Da hilft nur der Bau von neuen Wohnungen vor allem für die unteren Gehaltsklassen. „Das muss nicht unbedingt die Stadt machen, Stiftungen und Genossenschaften können das auch“, sagt Expertin Helbrecht.

Jetzt kommen wir wieder bei „Unser Laden“ vorbei. Durch Crowdfunding, gesponsert von einer oder mehreren prominenten Persönlichkeiten, könnte der Laden gekauft werden. Das wäre ein guter Anfang den Kiez unter lokale Kontrolle zu bringen und mitzubestimmen. Durch die große Öffentlichkeit, die die Initiative „Bizim Kiez“ erreicht hat, würde sich ein Grundstock an Kapital schnell zusammentragen lassen, wenn bloß ein kleiner Anteil der Unterstützer dazu bereit wäre, sich tatkräftig mit Geldmitteln zu engagieren. Das heißt auf Englisch: „Put your money where your mouth is.“ Das hat auch in Kreuzberg Tradition: In der näheren Nachbarschaft hatten Hausbesetzter 1983 eine Wohnanlage in der Görlitzer Straße dem Eigentümer abgekauft und durch einen gemeinnützigen Verein die Mieten sozial geregelt.

William Wires
Berlin, 29. Juni 2015

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